Schönes Deutschland, schlimme Menschen – Seite 1

Die Hälfte seines Lebens hat Karim Joel Martin schon hinter sich. "Ich hab keine Zeit für Angst, ich werde nicht 50", rappt der 26-Jährige auf dem Album Geist, das er gerade unter seinem Künstlernamen OG Keemo veröffentlicht hat. Er erzählt darauf von geliehenen Honda Civics und Diebstahl in einer Fachboutique für Segelmode, von Drogendeals in der Hochhaussiedlung, ignorierten Hausverboten im Penny-Markt und diversen Gewaltverbrechen, die in der Erinnerung des Rappers zu einer Akte "so dick wie’n Langenscheidt" verschwimmen. Martin kann alles klauen, sich aber nichts davon kaufen. Jeder gute haul ist schlecht für sein Gewissen. Er muss das nicht sagen, denn es ist eh klar. 

Deutschrap ist selten strenge Musik. Überall Männer, die hart und stark tun, aber den meisten davon merkt man Erfolg und Überfluss an, spätestens dann, wenn sie ratlos mit ihrem iPhone in der Aufnahmebox herumwedeln. Anders OG Keemo. Dieser Rapper hat keine Sekunde seines kurzen ersten Albums und keine Zeile aus seiner Nullerjahrejugend im Rhein-Main-Gebiet zu verschenken. Wer auf den König zielt, sollte besser treffen, das hat der heutige Mannheimer wahrscheinlich aus der Fernsehserie The Wire gelernt. Mit Geist beschreibt er seinen Weg bis ins Jahr 2019 und zugleich eine neue Hackordnung für Deutschrap am Ende dieses Katastrophenjahres.

Was ist passiert? Die Fetenhits von Finch Asozial zum Beispiel, Kollegah als Lifecoach, Kollegahs Anwalt, Gzuzs Anwalt und noch ein paar andere Anwälte. MC Fit im Schritt, MC McFit und ihre McMakler-Crew. OG Keemo macht das Beste daraus: Ein Album, das so tut, als gäbe es gar keinen Deutschrap. In seinem Song 216 beschreibt er alltägliche Rassismuserfahrungen so eindringlich wie Kendrick Lamar oder Solange Knowles. Im bildgewaltigen Durchbruchsvideo dazu rappt Martin mit Strick um den Hals, genau wie der heutige Rundumpopstar Tyler, the Creator vor zehn Jahren in seinem eigenen Durchbruchsvideo. Geist ist OG Keemos Debütalbum, aber man hört, dass es von einem erfahrenen Dieb stammt.

Das mag nach Vorwurf klingen, ist aber einfach Hip-Hop. Auch Martins langjähriger Produzent, ein Mann mit dem schönen Namen Funkvater Frank, schöpft neben diversen Synthesizern und Drumcomputern vor allem aus gutem Geschmack. Zu allgegenwärtigem Plattenknistern erzählen seine Beats beliebte Kapitel der Rapgeschichte nach: Boom bap mit Klaviermelodien wie im goldenen New York der Neunzigerjahre, Trap-Rap-Hektik wie wenig später in den Südstaaten der USA und schließlich auch Neuschöpfungen zwischen Ambient und Digitalkrach. Nicht auszuschließen, dass Frank schon mitlas, als es noch Musikblogs gab – und diese Blogs mit heißer Witch-House-Begeisterung ihre eigenen Gräber ausschaufelten.

Geist ist also USA bis zum Gehtnichtmehr. Und dann auch wieder nicht, denn Martin ist in Mainz-Lerchenberg aufgewachsen. Gleich dahinter geht es los mit den Dörfern und Weinbergen, Zornheim, Ober-Olm, Sörgenloch. Weingut Eckert, Weingut Raddeck, Funzelfahrt und Spundekäs’. Rheinhessen ist schönes Deutschland für schlimme Menschen, aber Lerchenberg ist gerade noch Stadt, westlicher Zipfel, Heimat von ZDF, einer Polizeiwache und der Papageiensiedlung. Noch einmal durchstreift Martin auf Geist diese sechs Häuserblocks mit jeweils zwölf Stockwerken, die gleich an der Grenze stehen, hinter der das schöne Leben ohne ihn beginnt.

Deutscher Hip-Hop war selten so klug

15 Jahre nach Mein Block erneuert das Album damit den deutschen Straßenrap. Doch OG Keemo ist so viel besser als Sido. Ein technisch und erzählerisch überlegener Rapper, der seinen kriminellen Alltag ohne Schnörkel und Mutterkult beschreibt, ohne romantische Verklärung oder moralische Bewertung. Zugleich demonstriert Martin ein unfehlbares Gespür für die passende Erwähnung von Namen, Marken, Waffen und anderen Details. Seine Vergleiche und Selbstüberhöhungen sind oft witzig, aber Sextanerhumor und Hinweise auf eine neverending Pubertät würde er Geist niemals durchgehen lassen. Dafür gibt es Twitter, wo Martin doch noch zum Teilzeitrheinhessen wird und von den Abenteuern seiner "Kusengs" berichtet.

Vielleicht liegt es auch an diesen Social-Media-Aktivitäten, dass sich einige Beobachter überrascht zeigen von der Ernsthaftigkeit, die Geist bestimmt. In 150 schwindelerregenden Sekunden führt der Song Nebel von Martins Geburt bis an die Schwelle zur vollen Strafmündigkeit. Es geht um Schulhofpausen, die er meistens als einziges, manchmal auch als eines von zwei schwarzen Kindern überstehen musste, um erste Erfahrungen mit Rassismus und die Entwicklung seines Bewusstseins für die gesellschaftliche Ordnung, die diesen Rassismus befeuert. Nie zielt Martin dabei auf rührselige Effekte, trotzdem sind seine Schilderungen immer wieder herzzerreißend.

Der Umgang des Rappers mit Ausgrenzung und Exotisierung ist neben Diebstahl und außergerichtlichen Problemlösungen das dritte große Thema auf Geist. Martin hält nichts von Angleichung und Multikultifrohsinn: Er schimpft auf "Daniel-Aminati-N*ggas", die sich die Locken aus den Haaren glätten und erinnert an jene 27 Gefängnisjahre, die Nelson Mandela fürs Hinhalten der anderen Wange bekam. Das oben erwähnte 216 verweist mit seinem Titel möglicherweise auf den entsprechenden Paragrafen im Strafgesetzbuch, Thema Tötung auf Verlangen. Aufgewühlt, aber hochkonzentriert deckt der Song die Zusammenhänge zwischen diskriminierender Mehrheitsgesellschaft und selbstzerstörerischem Verhalten aufseiten der Diskriminierten auf.

Viele Deutschrap-Akteure hielten das bisher für US-Probleme, virtuos abgehandelt bei Lamar und anderen Künstlern, die in Seelenverwandtschaft mit der Black-Lives-Matter-Bewegung agieren. Manche fühlen sich sogar angegriffen von Martins Erzählungen, die Rassismus auch in scheinbar toleranten Milieus beschreiben und kein Interesse an Alliierten abseits des eigenen Zirkels demonstrieren. Solche Reaktionen beweisen nichts, außer die Notwendigkeit von Geist. OG Keemo schlägt damit identitätspolitische Töne an, die im hiesigen Hip-Hop selten so klug und nie zuvor so unterhaltsam klangen. Stand jetzt gibt es keinen besseren Rapper in Deutschland.

"Geist" von OG Keemo ist erschienen bei Chimperator / Groove Attack.