15 Jahre nach Mein Block erneuert das Album damit den deutschen Straßenrap. Doch OG Keemo ist so viel besser als Sido. Ein technisch und erzählerisch überlegener Rapper, der seinen kriminellen Alltag ohne Schnörkel und Mutterkult beschreibt, ohne romantische Verklärung oder moralische Bewertung. Zugleich demonstriert Martin ein unfehlbares Gespür für die passende Erwähnung von Namen, Marken, Waffen und anderen Details. Seine Vergleiche und Selbstüberhöhungen sind oft witzig, aber Sextanerhumor und Hinweise auf eine neverending Pubertät würde er Geist niemals durchgehen lassen. Dafür gibt es Twitter, wo Martin doch noch zum Teilzeitrheinhessen wird und von den Abenteuern seiner "Kusengs" berichtet.

Vielleicht liegt es auch an diesen Social-Media-Aktivitäten, dass sich einige Beobachter überrascht zeigen von der Ernsthaftigkeit, die Geist bestimmt. In 150 schwindelerregenden Sekunden führt der Song Nebel von Martins Geburt bis an die Schwelle zur vollen Strafmündigkeit. Es geht um Schulhofpausen, die er meistens als einziges, manchmal auch als eines von zwei schwarzen Kindern überstehen musste, um erste Erfahrungen mit Rassismus und die Entwicklung seines Bewusstseins für die gesellschaftliche Ordnung, die diesen Rassismus befeuert. Nie zielt Martin dabei auf rührselige Effekte, trotzdem sind seine Schilderungen immer wieder herzzerreißend.

Der Umgang des Rappers mit Ausgrenzung und Exotisierung ist neben Diebstahl und außergerichtlichen Problemlösungen das dritte große Thema auf Geist. Martin hält nichts von Angleichung und Multikultifrohsinn: Er schimpft auf "Daniel-Aminati-N*ggas", die sich die Locken aus den Haaren glätten und erinnert an jene 27 Gefängnisjahre, die Nelson Mandela fürs Hinhalten der anderen Wange bekam. Das oben erwähnte 216 verweist mit seinem Titel möglicherweise auf den entsprechenden Paragrafen im Strafgesetzbuch, Thema Tötung auf Verlangen. Aufgewühlt, aber hochkonzentriert deckt der Song die Zusammenhänge zwischen diskriminierender Mehrheitsgesellschaft und selbstzerstörerischem Verhalten aufseiten der Diskriminierten auf.

Viele Deutschrap-Akteure hielten das bisher für US-Probleme, virtuos abgehandelt bei Lamar und anderen Künstlern, die in Seelenverwandtschaft mit der Black-Lives-Matter-Bewegung agieren. Manche fühlen sich sogar angegriffen von Martins Erzählungen, die Rassismus auch in scheinbar toleranten Milieus beschreiben und kein Interesse an Alliierten abseits des eigenen Zirkels demonstrieren. Solche Reaktionen beweisen nichts, außer die Notwendigkeit von Geist. OG Keemo schlägt damit identitätspolitische Töne an, die im hiesigen Hip-Hop selten so klug und nie zuvor so unterhaltsam klangen. Stand jetzt gibt es keinen besseren Rapper in Deutschland.

"Geist" von OG Keemo ist erschienen bei Chimperator / Groove Attack.