Mit den Düsseldorf Düsterboys würde man sogar zum Fußball gehen. Veltins-Arena auf Schalke, 94. Minute: Videobeweis, Elfmeter, daneben. Wieder verloren. Betrübte Männer auf dem Platz, betankte Männer in der Nordkurve, dazwischen die Düsterboys mit ein paar Flaschen Essener Stern-Bier, die sie irgendwie ins Stadion geschmuggelt haben. Alle schreien, pöbeln, drängeln, doch die Band summt vor sich hin und murmelt dann die letzten Worte ihres Songs Parties: "Schalke 04, ich will nicht mehr verlier'n." Das wird natürlich nichts, aber auch egal. Ab nach Hause oder doch noch in die Kneipe? Auf jeden Fall vorher beim Büdchen vorbei.

Es sind gerade Lokalpatriotismuswochen im deutschen Pop. Die Chemnitzer Rapper Kummer und Trettmann beschwören die letzten Tage der Zivilisation in ihrer Heimatstadt und zugleich den Zusammenhalt der Rechtschaffenen gegen die Rechten. Einige Bedeutsamkeitsebenen tiefer singt Sarah Connor über "Straßen, so rau und doch so vertraut" wie jenes Delmenhorst, das sie auf ihrem aktuellen Album Herz Kraft Werke zu einer Kleinstadtsymphonie inspiriert. Und nun biegen, fashionably late natürlich, auch noch The Düsseldorf Düsterboys um die Ecke.

Das Debütalbum der vierköpfigen Band aus Essen heißt Nenn mich Musik und enthält 16 abgeschmierte Hymnen auf die schönsten Aspekte eines Lebens jenseits der Regelstudienzeit. Lokalpatriotismus hat bei den Düsseldorf Düsterboys jedoch nichts mit herkunftsbedingter Pottromantik zu tun: Der Ort von Stolz und Sehnsucht könnte bei ihnen Gittis Bierecke heißen, eine beliebige Trinkhalle sein oder auch die letzte Aral-Tankstelle, die nachts um vier noch aufhat.

Wie in Pamela Adlons epochaler Fernsehserie Better Things oder auch im echten Leben tun sich in den Songs der Düsseldorf Düsterboys Gedächtnislücken auf, in denen immer wieder die ganze Geschichte steckt. Nenn mich Musik spielt auf Vorglühtreffen und Afterpartys, auf verschlungenen Nachhausewegen oder ganz in den Alkoholgedanken von Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel. Dort, wo eigentlich die Pointe kommen müsste, erklingt in den Liedern dieser Männer vielleicht ein Klarinettensolo oder vielleicht auch nicht. Manchmal begnügen sich die Düsseldorf Düsterboys mit dem Grundrauschen des Kassettenrekorders, den sie angeblich für die Aufnahmen ihrer Lieder benutzt haben.

Schon erstaunlich, wie belämmert und verlottert diese Band klingt. Anders als bei ihrem Hauptprojekt International Music, das in seiner verweisreichen Rockmusik immerhin Anflüge von Anstrengung erkennen lässt, drehen sich Rubel und Goncalves Crescenti auf Nenn mich Musik in Zeitlupe um die eigenen Bauchnabel. Wie die Beatles kurz vor oder The Velvet Underground kurz nach dem Heroin. Die akustische Gitarre wirft ein paar Akkorde rein, eine Orgel malt um die Ränder der Songs. Das Schlagzeug verliert den Anschluss, der Gesang bleibt sanft und gedankenverloren bis spät in die Nacht. "Hauptsache, ausschlafen" lautet ein Schlüsselslogan des Albums. Er kommt im vorletzten Song, wenn es dafür längst zu spät ist.

Bald gehen die Düsseldorf Düsterboys auf große Tour, mehr als 20 Stationen sind geplant, und man rätselt schon jetzt darüber, wie es diese Band überhaupt bis in den Bus schaffen soll. Andere Fragen aber sind wichtiger für Nenn mich Musik. Wie ist es diesen Jungsmusikern von der Essener Stadtautobahn gelungen, über die Sehnsuchtssubstanz Suff zu singen, ohne dass es abgeschmackt klingt? Warum handeln ihre Songs von letzten Hemden, Kippen und Bieren in Kneipen, die heißen wie ihre Besitzerinnen – aber niemals nur von schaler Saufkumpanenfolklore? Und was ist so verführerisch an ihrer Welt, in der alle Straßen zur nächsten 24-Stunden-Tankstelle führen?

Nenn mich Musik ist nicht nur ein tontechnischer, sondern auch ein inhaltlicher Digital Detox. Das moderne Leben bleibt außen vor auf diesem Album. Ein Schulterklopfer zählt hier mehr als tausend Likes, jedes seiner Lieder könnte ebenso gut 1969 wie 2019 spielen. Es ist aber gerade kein Hinweis auf erfolgreiche Wesentlichkeitsbesinnungen und neue Höhenflüge der Achtsamkeit, der sich in dieser Abwesenheit des Modernen versteckt. Die Düsseldorf Düsterboys wollen damit nur sagen: Unter gleichgesinnten Besinnungslosen kann man sein Leben noch schöner verschwenden als auf Twitter. Mit Nenn mich Musik feiern sie nicht die Überwindung, sondern die Umverteilung ihrer Schwächen.

Schon darin steckt ein wohltuender Kontrast zum Trimm-dich-Pop der deutschen Gegenwart. Während überall im Land die Beißschienen knirschen, fallen die Düsseldorf Düsterboys mit Socken, Schuhen und Hundekacke an der Sohle ins Bett. Um hier einmal den beliebten Musiker Thees Uhlmann zu zitieren: "So soll es sein." Denn gerade im Absturz und dessen geistreich besungener Armseligkeit steckt eine Versicherung gegen das Männlich-Herbe und Heldenhafte, das den Kneipenbodenrock der Düsseldorf Düsterboys eigentlich kennzeichnen müsste. Zum Trinken ist diese Band zu schwach, zum Aufhören noch immer zu wach. Das klingt doch nach einem Erfolgsgeheimnis.

"Nenn mich Musik" von The Düsseldorf Düsterboys ist erschienen bei Staatsakt/Bertus/Zebralution.