Der Filmemacher Atef Ben Bouzid © Tim-Hendrik Haase

In unserer Reihe "Und jetzt Jazz!" schreibt der ZEIT-Reporter Ulrich Stock in loser Folge über Musiken am Rande der medialen Aufmerksamkeit. Jeder Text kann gelesen werden als Teil einer unendlichen Recherche über Jazzdenken, Jazzmachen und Jazzleben.

… rührt er, auf meine Frage hin, im Berliner Kunstlerhaus Bethanien in seinem Ingwertee und sagt, er sei jetzt schon 44 Jahre alt, Jahrgang '75, auch wenn er jünger aussehe. Und in der Tat sieht der rheinhessisch-tunesische Dokumentarfilmer Atef Ben Bouzid in seinem kurzärmeligen Hemd, getragen unter der Weste, alles in Umbra und Ocker, im Dunkel dieser Jahreszeit irgendwie jünger aus trotz der Geheimratsecken im kurzgeschorenen Haar; es ist vielleicht diese Form von Jugendlichkeit, die Künstlern anhaften kann, wenn sie der allgegenwärtigen, schnöden Üblichkeit eine sehr eigene Idee entgegenzusetzen vermögen.

Seine Idee war: einen Film über eine Region zu machen, über die nur Negativschlagzeilen existieren. Man müsse doch differenzieren. Es gehe doch darum, die Hoffnung hochzuhalten. Die Idee kam ihm vor mittlerweile SECHS JAHREN (nur damit Sie das nicht überlesen), als er mal wieder in Kairo war. Rheinhessen, Tunesien, Kairo, das ist jetzt fast ein wenig viel für den Anfang, aber keine Sorge, das sortiert sich gleich.

Nach Kairo war er erstmals Ende 2002 mit einem DAAD-Stipendium gekommen, um richtig Arabisch zu lernen. Denn er, Sohn tunesischer Einwanderer aus Ingelheim am Rhein, kannte aus dem Elternhaus nur das Arabisch, das man in Tunesien spricht und das, sagt er, außerhalb des Landes kaum verstanden werde.

Wohingegen das ägyptische Arabisch überall in der arabischen Welt verstanden werde, weil Kairo halt in den Dreißiger-, Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts diese Vormachtstellung in der Filmindustrie hatte, neben Hollywood und Bollywood, und die ägyptischen Filme also überall gezeigt, geschaut und verstanden worden seien.

In Kairo habe er 2002 den Freund eines Freundes kennengelernt, Amr Salah – und wie Sie dessen Vornamen aussprechen wollen, das überlasse ich jetzt mal Ihnen. Alles Arabische ist uns ja fremd, und wir reagieren deshalb gerne heftig, schwankend zwischen einer Willkommenskultur und dem Ruf nach Grenzbefestigung. Amr Salah ist Pianist und Jazzmusiker und mehr noch: Er organisiert in Kairo seit 2009 ein jährliches Jazzfestival mit Musikern aus der arabischen und der nichtarabischen Welt.

Die Idee, die Atef Ben Bouzid aus Ingelheim am Rhein, ansässig in Berlin-Kreuzberg, besuchsweise in Kairo, kam, war: Ich mache einen Film über den Mann und sein Festival. Amr Salah stimmte dem Ansinnen des Freundes zu; gedreht wurde im Frühjahr 2014, vor FÜNFEINHALB JAHREN.

Atef Ben Bouzid erzählt mir jetzt von den Vielen, die ihm geholfen hätten, ohne die der Film nicht möglich gewesen wäre; er nennt sie beim Namen – und nur um Sie jetzt nicht zu sehr zu strapazieren, verweise ich auf den Abspann des bewegenden Films: Da stehen sie.

Eine Eigenschaft eine sie alle, sagt er: Sie seien ohne große Bezahlung ans Werk gegangen; er hingegen habe seine Ersparnisse in das Projekt gesteckt, da keine Förderung. Wieviel das war? Ein schwarzes Loch, sagt er. Alles.

Fünf Wochen seien sie mit dem Team in Kairo gewesen, 23 Drehtage plus die 4 Tage des Festivals; 82 Minuten seien daraus geworden, aber das habe gedauert und gedauert. Bis zum Juni 2016, vor DREIEINHALB JAHREN, sei sein Film nur ein Fragment gewesen, weil zwischendrin mit dem Schnitt viel schiefgegangen sei. Er sei durch tiefe Täler gegangen.

Dann habe er über ein Inserat auf einem Internetportal den Cutter und Editor Sebastian Leitner gefunden, einen Wiener in Berlin, und nicht nur weil sein, Atef Ben Bouzids, Bruder sich in Wien niedergelassen habe, auch als Filmemacher, habe er sofort gewusst: Das ist der Mann, mit dem es geht. Nach sechs Wochen stand die finale Fassung, und Sebastian Leitner firmiert nun als Co-Produzent.