Vom Bordstein zur Skyline – Seite 1

Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Bushido wollte Vom Bordstein bis zur Skyline. Das war 2003, erstes Album, oberstes Gebot. 16 Jahre später gelten Denkmal- und Polizeischutz für den erfolgreichsten Gangster-Rapper der deutschen Hip-Hop-Geschichte. Sein neues Album heißt Carlo Cokxxx Nutten 4, klingt aber so gefährlich wie Scary Movie 4. Mutmaßliche Verbindungen zur organisierten Kriminalität drohen Bushido auf die Füße zu fallen, die Skyline ist in weite Ferne gerückt. Dafür gab es im Sommer 2019 Skylines, eine fiktive Netflix-Hommage an die Szene und ihren einstmals besten Jungen. Keine schlechte Serie, aber eingestellt nach der ersten Staffel. Es wird eben doch nur fast alles zu Gold, was mit deutschem Gangster-Rap in Berührung kommt.

Die Bushido-Botschaft hat sich trotzdem erfüllt. Für ihn selbst, für einige seiner Weggefährten und für spätere Gangster-Rap-Generationen sowieso. Auf jede Deutschpop-Schnullerbacke kommen heute zwei Deutschrap-Durchstarter: Seit sich das Hörverhalten junger Fans auf Spotify, YouTube und Instagram-Storys konzentriert, gibt es keine erfolgreichere und allgegenwärtigere Musik mehr im Land. Deutscher Gangster-Rap bringt absoluten Adjektiven den Superlativ bei. Der Berliner Rapper Capital Bra landete 18 Nummer-eins-Hits in den letzten zwei Jahren und perforierte damit einen 50 Jahre alten Rekord der Beatles. Die hatten es während ihrer zehnjährigen Karriere auf insgesamt elf Lieder an der Spitze der deutschen Charts gebracht.

An den konfliktbeladenen Beziehungen zwischen Hip-Hop, Medienlandschaft und bürgerlicher Gesellschaft lässt sich außerdem eine jugendkulturelle Bedeutung von Deutschrap ablesen, die über Rekorde und Euros hinausgeht. Der Dresdener Rapper Miami Yacine schnupfte mit seiner Debütsingle Kokaina im Jahr 2016 zwei Dekaden wohlmeinender Keine-Macht-den-Drogen-Politik vom Tisch. Vom Klappern der Snaredrum über die Koksthematik bis zu den erwähnten Uhren, Autos, Modedesignern und Fußballspielern markiert das Stück den ultimativen modernen Gangster-Rap-Song. 160 Millionen YouTube-Aufrufe bestätigen das. Wer seine Eltern mit popkulturellem Wagemut erschrecken will, kommt heute nicht mehr an dieser Musik und ihrer harten Gangart vorbei.

Von den Schlagzeilen, die Bushido und andere Würdenträger des Genres immerzu umflattern, sollte man sich nicht täuschen lassen. Deutscher Gangster-Rap ist eine reibungslos organisierte Contentfabrik: Hier wird so effizient und erbarmungslos geliefert wie in den Lagerhallen von Amazon. Die erfolgreichsten Protagonisten haben das Spiel der Streamingdienste geknackt und füttern die Maschine beinahe ununterbrochen mit neuen Songs nach bewährter Bauart. Trap-Rap-Beats wie im Süden der USA, hochansteckende Melodien und Refrains obendrauf. Die sprichwörtliche Straße führt in den real existierenden Club. Stilbewusstsein sticht Storytelling. Babys liegen wach, weil sie ohne Autotune-Gesang nicht mehr einschlafen können.

Gangster-Rap hatte im Jahrzehnt seines Durchmarschs viele Sorgen, juristische Briefwechsel, Polizeieinsätze und andere Imageprobleme an den Gucci-Pantoffeln kleben. Ein Qualitätsproblem hatte er nicht. Bevor Capital Bra und andere Algorithmenritter die Kontrolle übernahmen, war Haftbefehl die herausragende Figur der Szene. Dem Rapper aus Offenbach gehörte die erste Hälfte der Zehnerjahre: Er hatte die beste Stimme, machte die besten Geschäfte und sprach das beste Deutsch. Die Straße teilte sich vor seiner Stoßstange wie einst das Meer für Moses. Feuilleton-Redakteure reisten ins Rhein-Main-Gebiet. Der Duden wird den Neologismen des Dichters irgendwann eine Sonderausgabe widmen müssen.

Schon Worte wie Duden, Feuilleton, Moses und Rhein-Main-Gebiet verraten allerdings, dass Haftbefehl inzwischen zur alten Schule gehört. Die harten Wahrheiten der Streamingdienste haben eine Tendenz zur Gleichförmigkeit im deutschen Gangster-Rap heraufbeschworen. Nur fünf Jahre nach seinem bisher letzten Soloalbum Russisch Roulette klingt Haftbefehl mit seiner Grammatik, seinem Humor und seinen Anstrengungen wie ein Deutschrap-Alien.

Gangster-Rap verrät heute das Nötigste über seine Geschäfte und verklärt beinahe alles, was der zugehörige Lebenswandel hergibt. Kaum ein Rapper kommt ohne Report über die eigenen Errungenschaften und Eroberungen aus. Alle berichten von Hobbys, Lastern, Lieblingsmarken und -autos. Snare- und Bassdrum prügeln das Material von Refrain zu Refrain. Nicht nur Capital Bra ist mit einem solchen Programm zum Seriensieger der Charts aufgestiegen. Auch Samra, Mero, Eno, Juju, Nimo, Luciano, Apache 207, Ufo361, Bonez MC und Gzuz hatten gegen Ende des Jahrzehnts mehrere Charthits.

Alles wurde härter und schmutziger

Kulturpessimisten sagen deshalb: Während Sie den vorliegenden Text lesen, verdirbt Deutschrap unsere Kinder. Fast alle oben erwähnten Künstlerinnen und Künstler feiern das schöne Leben in frauen-, schwulen- und behindertenfeindlichen Worten. Viele von ihnen sollen Beziehungen zu Clan- und Bandenkriminalität unterhalten. Haftbefehl zündelte mit antisemitischen Klischees. Gzuz rappt nicht nur darüber, Frauen auf herabwürdigende und gewalttätige Weise zu behandeln. Er hat es laut Strafbefehl auch im echten Leben getan. Hat die deutsche Popmusik also erstmals eine Jugendkultur am Hals, die sich nicht gegen bestehende Machtverhältnisse auflehnt, sondern vornehmlich nach unten tritt?

Hip-Hop ist in den Großstädten der USA als Ausdrucksform von weitgehend lautlos geschalteten Bevölkerungsgruppen entstanden. Hierzulande lief die Sache anders. Ende der Neunzigerjahre waren es Männer aus mittelständischen Kreisen, die den ersten Deutschrap-Boom prägten: Absolute Beginner, Freundeskreis, Die Fantastischen Vier. Ihre Songs zeugten von weed- und wortspielverliebter Freude am Hip-Hop-Handwerk, ihr linksalternatives Sendungsbewusstsein von einer gewissen Sorglosigkeit. Vor allem der Freundeskreis-MC Max Herre war ein toller Rapper – obwohl man immer glaubte, seinen Texten die Marx-Literaturhilfe unter dem Kopfkissen und das Revolutionführerposter auf der WG-Toilette anzuhören.

Als Stimme der Unterprivilegierten erlangte Deutschrap erst einige Jahre später szeneübergreifende Beachtung. Das Label Aggro Berlin brachte die Straße in den Hip-Hop-Atlas und das Gangstermindset in die Charts. Sprache, Themen, Umgang, Drogen: Alles wurde härter und schmutziger. Sido, Bushido und Fler waren die erfolgreichsten Künstler von Aggro Berlin und machten sich um die sozialökonomische Anerkennung ihrer Lebensentwürfe verdient. Die Auflösung der Plattenfirma im Jahr 2009 überlebten sie als Popstars, Geschäftemacher und wandelnde Deutschrap-Symbolbilder.

Bushido wechselte bereits 2004 zum größten Tonträgerkonzern der Welt – angeblich mithilfe des mutmaßlichen Berliner Clanoberhaupts Arafat Abou-Chaker. Der Rapper und sein späterer Manager lebten zeitweise Villa an Villa im Berliner Speckgürtel, beide sollen eine Kontenvollmacht des jeweils anderen besessen haben. Manche Deutschrap-Beobachter sehen in der inzwischen gescheiterten Freundschaft und Geschäftsbeziehung der Männer den Ursprung zahlreicher heutiger Verbindungen zwischen Gangster-Rap und organisiertem Verbrechen.

Die Aggro-Jahre waren nicht immer schön anzusehen, aber wichtig für das aktuelle Erscheinungsbild der obersten Hip-Hop-Prozente in Deutschland. Selbstermächtigung durch Gangster-Rap wurde im Siegestaumel der Plattenfirma zum flächendeckenden Phänomen. Künstler, die das wohlerzogene Deutschland gern weiter ignoriert hätte, verschafften sich mit der Kraft ihrer Worte und Persönlichkeiten Gehör. Heute haben die oben erwähnten Nummer-eins-Rapper unter anderem türkische, kurdische, russische, marokkanische, iranische und mosambikanische Wurzeln. Deutschrap ist nicht nur die ertragreichste Popströmung des Landes, sondern auch die einzige, deren Spielregeln und Beschaffenheit nicht durch die Mehrheitsgesellschaft vorgegeben werden.

Wer den Luxus- und Lotterrap der Gegenwart für sinnentleertes Triumphgeheul hält, versteht vielleicht einfach nicht, worüber hier geheult wird. Capital Bra meißelt die Geschichte seines Durchbruchs und der damit verbundenen Gefahren und Beschwerlichkeiten wieder und wieder in Platin – als ob sein Werdegang mit jeder Wiederholung noch ein bisschen wahrer würde. Jeder Nummer-eins-Hit ist ein Kneif-mich-mal-Moment, jeder Kaufrausch eine Bestätigung der eigenen Gipfelstürmerei. Theoretisch wäre der Aufstieg von Capital Bra auch ohne Hip-Hop denkbar. Erzählt werden könnte er ohne Hip-Hop jedoch nicht.

Blech- und Kollateralschäden, erfundene, miterlebte und selbst verübte Kriminalität sind Handlungspfeiler solcher Geschichten. Dass viele erfolgreiche Rapper heute für dubiose Rückendeckung zahlen, ist ein ebenso offenes wie besorgniserregendes Hip-Hop-Geheimnis. Dass ausgerechnet Bushido unter Polizeischutz steht, weil er dieser Praxis entkommen wollte, entbehrt nicht einer grimmigen Komik. Trotzdem ist deutscher Gangster-Rap nicht die Abteilung des Popbetriebs, die ausnahmslos nach unten tritt. Es geht vielmehr darum, sich nach oben durchzuboxen – und dabei jene Ellbogenmentalität zu beweisen, die in anderen Gesellschaftskreisen als Ausdruck von Willens- und Durchsetzungskraft gilt.

Ein Ort für Ambitionen, aber nur selten einer für Träumer

Das ist die unbequeme Wahrheit, die in jeder guten Gangstererzählung mitschwingt. Deutschrap ist kein außer Kontrolle geratenes Nischenphänomen, sondern ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Zustände. Der Sexismus, den ungezählte Rapper in schwer erträglicher Beiläufigkeit demonstrieren, existiert weniger explizit, aber nicht weniger verheerend auch im Büro einer beliebigen Versicherungsniederlassung. Den Listenpreis-Mercedes, für den der Stuttgarter Musiker KC Rebell "hundert Mille bar" ins Autohaus trägt, würde der Geschäftsführer eines anständigen mittelständischen Schwabenbetriebs ebenso wenig stehen lassen. Schöne Karren, entriegelte Motoren und freie Kraftstoffwahl: Deutschlands Rapper wollen auch nicht mehr vom Leben als Christian Lindner.

Das bedeutet nicht, dass sie keine Verantwortung für die Inhalte und Effekte ihrer Texte übernehmen sollten. Eine Jugendkultur, die die Werte der Elterngeneration reproduziert und übersteigert, kann augenscheinlich enorme Kräfte entwickeln: Die Charts sprechen für sich. Was sie jedoch nicht entwickeln kann, sind neue Utopien. Deutscher Gangster-Rap ist ein Ort für Ambitionen, aber nur selten einer für Träumer. Die meisten Protagonisten können sich ihre persönliche Erfolgsgeschichte in den grellsten Farben ausmalen. Nur die wenigsten interessieren sich jedoch für eine Gesellschaft, die die eigene Karriere ermöglicht, ohne zugleich die vorherrschenden Verhältnisse zu bestärken.

Das hat auch mit der Sprache von Gangster- und Straßenrap zu tun. Bei vielen einflussreichen Künstlern ist sie grundsätzlich diskriminierend – und widerspricht damit der Idee vom Hip-Hop als Sprachrohr der Diskriminierten. Natürlich muss es Raum geben für Beleidigungen, Angriffe, Widersprüche und Grenzüberschreitungen. Rap war immer auch Konkurrenzkampf, das Prinzip ist in seiner ursprünglichen Form angelegt: zwei Mikrofone, ein Gewinner. Über allem steht jedoch eine Art Urversprechen des Hip-Hops. Jeder hat eine Stimme, jeder kann gehört werden. Allzu oft erfüllt sich dieses Versprechen in Deutschland als Wettbewerb unter Markt- und Marktwertschreiern.

Manchmal setzen sich dabei Leute wie Summer Cem durch. Der scheinbar gedankenlose Partyrapper regiert heute in Clubs, zu denen ihm noch vor wenigen Jahren der Zugang verweigert wurde. Fünf Top-fünf-Alben stehen in seinem Lebenslauf, mindestens ebenso viele Luxusautos dürften in seiner Mönchengladbacher Garage stehen. Kein Normalsterblicher oder -verdiener kann das Rolex- und Rolls-Royce-Gebell von Summer Cem länger als fünf Minuten ertragen. Diese fünf Minuten aber sind die besten des Tages: ein Moment der Unbesiegbarkeit, in dem man sich sogar ausmalen kann, wie das sein muss, wenn man im Rolls-Royce auf der Rückbank mitfahren darf.

Für die Vergänglichkeit solcher Momente ist weiterhin der Rapper Kollegah zuständig. Nach Echo-Skandal und Auschwitz-Verharmlosung, ungezählten misogynen, homophoben und ableistischen Zeilen sowie der Entschlüsselung eines von Antisemitismus und Verschwörungstheorien geprägten Weltbilds ist der Musiker, Sachbuchautor und Lounge-Betreiber aus Düsseldorf – immer noch da?! Auf seinem aktuellen Album Alphagene II schlägt der böse Boss des Deutschrap bewährte Töne an: Heldenpathos und Hahnenkampfrhetorik, höllisches Tempo und null Gefühl in den Fingerspitzen. Mitte Dezember stand Kollegah damit auf Platz eins der Albumcharts, zum achten Mal in den letzten sechs Jahren.

Überschattet wurde dieser Erfolg jedoch von einer Recherche der Onlinemagazine Buzzfeed und Vice. Im vergangenen Sommer hatte diese enthüllt, wie Kollegah und seine Geschäftspartner den Hilfe suchenden und zahlungswilligen Fans des Rappers mit einem Alpha-Mentoring-Programm das Geld aus der Tasche ziehen. Als selbst erklärter, unzureichend qualifizierter Lifecoach verkehrt Kollegah die ursprüngliche Community-Idee von Hip-Hop in ihr Gegenteil und verkauft sie für vierstellige Eurobeträge an sein Publikum zurück. Zu Heiligabend bekannte er in einem grotesken Vor-Ort-Video: Die Erlöse des Programms sollen teilweise dem Bau eines Waisenhauses in Uganda dienen.

Es gibt keine Pointe in dieser Geschichte. Es gibt nur das wilde Gangster-Rap-Jahrzehnt und den einen Typen, der es in aller Absurdität auf den Punkt bringt.