"It was a pleasure knowing you", sagt Concierge Barney zum Abschied, küsst Vivians Hand und sagt dem Fahrer Darryl, er möge Vivian in der Stretchlimo hinfahren, wohin sie auch wolle. Im nächsten Bild von Pretty Woman sitzt Vivian hinten im Fond, ganz allein in einem seltsam unpassenden neuen Businesskostüm, und die ersten Takte von It Must Have Been Love von Roxette erklingen: "Lay a whisper on my pillow …"

Wie man ein Flüstern auf ein Kopfkissen legen kann, ist eine gute Frage. Es ist eine schiefe Metapher, in den Lyrics von Powerballaden der Achtzigerjahre konnten die unglaublichsten Dinge geschehen. Sie handelten ja fast alle vom Wunder der Liebe und der Übergröße der Gefühle. Per Gessle, der Gitarrist der schwedischen Band Roxette, hat seine schönste Powerballade 1987 geschrieben, kurz nach der Gründung des Duos. "It must have been love / but it's over now", sang Marie Fredriksson mit dieser so klaren, so angenehm etwas zu lauten Stimme. Ohne sie, ohne diese Stimme, wären die Lieder von Roxette doch Allerweltslieder geblieben. It Must Have Been Love wurde damals, 1987, zunächst nur in Schweden veröffentlicht. Erst mit The Look zwei Jahre später stürmten Roxette in die internationalen Charts. Das bekam auch Hollywood mit.

Im Frühjahr 1990 lief Pretty Woman in den amerikanischen Kinos an. Die Protagonistin, die Prostituierte Vivian Ward, ist eine der unrealistischsten Figuren der Filmgeschichte. Nichts an dem Film ist echt. Die Rolle machte Julia Roberts trotzdem (oder gerade deswegen) zum Star. Und der wichtigste Song des Soundtracks war nicht der altbekannte Gassenhauer von Roy Orbison, der dem Film auch seinen Titel gab. Sondern eben It Must Have Been Love von Roxette. Er läuft in dem Augenblick, da Vivian nach ein paar Tagen im teuer bezahlten Himmel des Beverly Wilshire Hotels an der Seite des Geschäftsmanns Edward wieder buchstäblich zurück auf die Straßen von Los Angeles muss, als Sexarbeiterin. Es ist ein Abschiedslied, ein Lebewohl auf eine Illusion von der Möglichkeit eines anderen, glücklicheren Daseins.

Es ist zum Heulen, aber auch schon zum Heulen schön, weil dann ja bald das absurde Happy Ending folgt. Aber nur im Film. Im Song von Roxette bleibt es bis zum Ende dabei: Es muss zwar Liebe gewesen sein, aber es ist vorbei. Das war echt.

Die Musik der 1986 gegründeten Band Roxette war, rein ästhetisch, von Anfang an aus der Zeit gefallen. Die Epoche der Powerballade, des großen Teenager-Klammer-Blues der Kellerpartys, war Mitte der Achtzigerjahre vorbei. House, Techno, Acid, Rave, Hip-Hop, das alles war nun, Ende der Achtziger, Anfang der Neunzigerahre, viel aufregender, neuer, schneller. Marie Fredriksson und Per Gessle hingegen machten populäre europäische Rockmusik. Viel Hall auf der Snare Drum, viel Twäng auf der Gitarre, bisschen billige, aber effektvolle Synthesizer, kerzengerade Beats, bitte kein Groove.

Das war Musik für Menschen, die damals mit Techno nicht mitkamen; die Hip-Hop, egal ob Old School, New School oder das Daisy Age von De La Soul, nicht kapierten oder nicht kapieren wollten; denen Grunge, das spätestens im Jahr 1991 mit Nirvanas Nevermind alle andere Rockmusik wegwischte, irgendwie zu düster und depressiv klang. Kaum waren die Achtzigerjahre vorbei, gab es bereits Achtzigerjahrepartys für diese Menschen, und dort wurde Roxette gespielt. Obwohl die Platten von Roxette ganz neu waren, handelten sie von einer vergangenen Zeit.

Hochphase bei Roxette: Marie Fredriksson und Per Gessle im Jahr 1991 © Brigani-Art/​imago images

Aber nicht im Sinne von Retro-Musik. Roxette bezogen sich auf kein Genre und keine konkrete Epoche. Ihre Musik beantwortete eher die Frage: Welchen Song würde ein mittelalter Radio-Discjockey einer mittelgroßen Station in einem mittelgroßen Land zum Beispiel an einem verregneten Sonntagmittag spielen, um Leute glücklich zu machen, die im Auto sitzen oder zu Hause vorm Geschirrberg und einen Refrain mitsingen möchten? Selbst die Leute, denen Roxette-Songs nicht cool genug wären, würden deswegen nicht gleich den Sender wechseln. Sie würden still mitwippen, wenn auch verstohlen.

Gessle und Fredriksson sind beide Ende der Fünzigerjahre zur Welt gekommen und sind beide in der schwedischen Provinz aufgewachsen, Gessle immerhin in dem Hafenstädtchen Halmstad, Fredriksson in den Dörfern Össjö und Östra Ljungby. Die nächste Großstadt war Malmö und weit weg, und Malmö ist nun auch nicht wirklich groß. Fredriksson hat in einem Interview einmal darüber gesprochen, dass ein Priester eine wesentliche Rolle dabei gespielt habe, dass sie ihre Liebe zur Musik entdeckt habe als Kind. Man sang sonntags Kirchenlieder. Ende der Siebzigerjahre, als junge Frau, zog Fredriksson nach Halmstad und lernte dort Gessle kennen, der schon in einer Band war, Gyllene Tider. Fredriksson veröffentlichte zwei Soloalben, die in Schweden erfolgreich waren. Dennoch tat sie sich mit Gessle zu Roxette zusammen, als sich dessen Band (zwischenzeitlich) aufgelöst hatte.

It Must Have Been Love, Dressed for Success, Listen to Your Heart, The Look, Joyride, How Do You Do!, Sleeping in My Car: Roxette war eine Singles- und keine Album-Band, und die großen Hits passierten in einem doch recht kurzen Zeitfenster, ungefähr 1988 bis 1994. Menschen, die damals jung waren, können Roxette-Songs bis heute für die Lieder ihrer Jugend halten. Das Duo hat ihnen den Gefallen getan, nie ganz zu verschwinden. Aber auch nie künstlerisch zu ambitioniert zu werden oder gar esoterisch. Die alten Hits haben Bestand, neue kamen keine mehr dazu. Solange Roxette noch da waren, schien es, waren die Achtziger- und Neunzigerjahre nicht wirklich vorbei. Eine vergleichbare Rockband aus jener Zeit, deren Musik sehr viele Menschen glücklich machte und nur sehr wenige richtig störte, fällt einem nicht ein. Es muss Liebe gewesen sein.

Marie Fredriksson in der Papp Laszlo Budapest Sports Arena in Budapest, Mai 2015 © Balazs Mohai/​dpa

In den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es On-and-Off-Phasen bei Roxette, zwischendurch veröffentlichte Fredriksson Soloplatten, die achte und letzte im Jahr 2013. In dieser Zeit war sie auch mit Roxette unterwegs, die Band hatte 2011 ihre Neverending World Tour begonnen. Im Jahr 2016 musste Fredriksson diese Tournee, die doch niemals enden sollte, krankheitsbedingt abbrechen. Es war der endgültige Abschied von der Bühne.

Am Montag ist Marie Fredriksson gestorben. Sie wurde 61 Jahre alt.