Die Zeiten sind hart für Musikmagazine. Im vergangenen Jahr machte die Intro dicht, es folgten die gedruckte Spex und Groove, in England wurde der New Musical Express nach über 65 Jahren eingestellt, und nun verkündete auch noch das Hip-Hop-Magazin Juice das Ende seiner Print-Ausgabe.

Vielleicht fehlten den Zeitschriften am Ende das Überraschende und der Mut; einige hatten den Charakter von Servicebroschüren, andere den Spannungsbogen von Bedienungsanleitungen. Promo-Rezensionen, Promo-Tourdaten, Promo-Interviews. Und dann ist da noch das Internet. Wer sich heute informieren will, über Prä-Punk oder Post-Trap, benötigt nur die richtigen Playlisten und Algorithmen auf den Streamingportalen, aber eher kein monatlich erscheinendes Magazin.

Michael Arndt, der sich Moses nennt, interessiert das alles nicht. Er schert sich nicht um Marktanalysen, Verkaufszahlen und den ganzen betriebswirtschaftlichen Rattenschwanz. Und das Internet, nun ja, das sei eh viel zu aufgebläht. Also hat er nach 21 Jahren wieder eine Ausgabe seines ZAP-Magazins herausgebracht, das 153. Buch Moses quasi, Selbstvertrieb, print only, na klar. Man kann das mutig nennen oder witzig oder beides. Immerhin war das ZAP für viele Heranwachsende in den Achtzigern und Neunzigern ein Tor zu einer extrem verzweigten und geheimen Welt von Subkulturen. Aber man kann auch fragen: Was soll das? Und vor allem: Wer liest das? 

"Das ist doch Punk", sagt Arndt. "Die Leute irritieren, etwas tun, womit niemand gerechnet hat."

Moses Arndt hat in seinem Leben oft überrascht. In seiner Jugend spielte er in einer Hardcoreband, deren Songs Rape Your Mother oder Start in den Tod hießen, und durch die Einkaufsstraßen seiner Heimatstadt Homburg lief er mit einer Lederjacke, auf der "Konsumterror" stand. Der Vater, ein Stahlarbeiter, sagte: "Hauptsache nicht obdachlos! Hauptsache nicht schwul!" Später schrieb Arndt Bücher und gab Magazine heraus. Er war Mitbegründer der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD), betrieb ein Piercing-Studio, bis er, mit Mitte 30, noch ein Medizinstudium begann. Approbation und Promotion in seinen Vierzigern, danach Ringarzt bei Boxkämpfen, heute Hausarzt im Bereitschaftsdienst, Familienvater, 55 Jahre alt. Sein alter Verlag nennt ihn den "Paten des deutschen Punk".

Das ZAP, im Untertitel prangte der Slogan "Kampfblatt des internationalen Rotzlöffeltums", existierte ab 1988 zehn Jahre lang. Es war nicht das erste Fanzine dieser Art in Deutschland, aber zwischenzeitlich das größte. Anfangs brachte Arndt es monatlich heraus, später zweiwöchentlich und am Ende sogar jede Woche. Am Kiosk war es nie erhältlich, Arndt sagt, er wollte selbst die Kontrolle über alles behalten. Man konnte es in ausgewählten Plattenläden und auf kleinen Konzerten kaufen oder per Post bestellen. Trotzdem hatte es beachtliche Verkaufszahlen, die Auflage ging in den Neunzigern hoch bis über 10.000.

"Das ZAP war für viele Leute prägend", sagt der Kulturwissenschaftler Christian Schmidt, der zum Thema Fanzines forscht und Mitarbeiter des Berliner Archiv der Jugendkulturen ist. "Es war wie viele andere Fanzines damals die wichtigste Informationsquelle für Musik abseits des Mainstreams." Über die anstehende Kellerclub-Tour einer Crust-Punk-Band aus Stoke-on-Trent oder die letzte Single einer obskuren tschechischen Avantgarde-Noise-Combo stand jedenfalls nichts in einem großen Musikmagazin wie Sounds, auch nicht in den Tageszeitungen und schon gar nicht in der Bravo.

Als Leser von Fanzines wie ZAP, Gags & Gore, Das Heft, Suburban Voice oder Maximum Rocknroll fühlte man sich als Eingeweihter. Man las im ZAP über die kalifornische Punkband The Offspring schon 1989, also fünf Jahre vor ihrem kommerziellen Durchbruch. 1990 schrieb das ZAP über das erste Demotape einer "talentierten Gruppe" aus Weilheim mit dem Namen The Notwist. Und 1988 veranstaltete Moses Arndt das Konzert der Band Scream im Homburger Jugendzentrum. Fünf Mark, fünf Zuschauende, Dave Grohl am Schlagzeug.

Fanzines brachen auch mit Lesegewohnheiten. Auf Artikel über Musik folgten politische Essays über die Ausschreitungen in Hoyerswerda oder Solingen. Danach Berichte über Fußball oder eine Reisegeschichte aus Kambodscha. Alles radikal subjektiv, vieles radikal arrogant, schließlich machte man das alles auch, weil man den eigenen Geschmack über den von anderen stellte. Schmidt hat bei seiner wissenschaftlichen Betrachtung von Fanzines den von Claude Lévi-Strauss eingeführten Begriff der Bricolage übernommen. Fanzines als Bastelei, eine Neuorganisation von bestehendem Material. So waren und sind Fanzines in ihrer Improvisation und Amateurhaftigkeit auch immer ein Appell an die Leser, nicht nur zu konsumieren, sondern selbst aktiv zu werden. Jeder kann ein Fanzine machen! Do it yourself!

Anfangs, sagt Schmidt, habe aber auch er vieles gar nicht verstanden. Fanzines wie das ZAP waren gespickt mit Referenzen und Anspielungen, die man damals nicht mal eben ergoogeln konnte. "Es war fast wie in einem Detektivclub. Man musste ein Fanzine oft dechiffrieren."