Jeder hört für sich allein – Seite 1

Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Der öffentliche Raum wabbelt schon vor lauter Blasen. Körpergroße Kugeln mit durchsichtigen Wänden aus Klang umgeben die Menschen. Sie joggen darin, fahren E-Bike oder torkeln als Fußgängerinnen über den Fahrradweg. Manche tragen ihre Blasensphären ins Großraumbüro. Oder sie sitzen einfach in ihnen herum und erwecken den Anschein, als würden sie nachdenken. Sie schauen niemanden an, starren in die Ferne wie U2 oder Depeche Mode auf den Fotos von Anton Corbijn. Sie hören Musik.

Streaming, Smartphones und Kopfhörer haben im vergangenen Jahrzehnt das öffentliche Bild so stark verändert wie davor wohl zuletzt das Automobil. Beides sind Symbole des Alleinseins inmitten der Vielen geworden. Im Kokon aus Blech, in den Blasen aus Sound.

Die Musik selbst gehört inzwischen zur Innenausstattung – und ihre mediale Form trägt daran einen signifikanten Anteil: Streaming unterstützt Gefühle, Biorhythmen oder gibt den karriereentscheidenden Egoboost vor dem nächsten Meeting. Man hat ja immer etwas Passendes dabei. Die meisten Playlists richten sich nach dem Tagesablauf: Musik zum Frühstück, für den angeregten Vormittag, gegen die Müdigkeit am Nachmittag, für die letzte Konzentration am Vorabend, die Entspannung nach dem Essen, das akustische Vorglühen und was Heißes für danach. Kein Wunder, dass wir nicht mehr Fans heißen, sondern User, im Englischen eben auch die Bezeichnung für Drogenabhängige.

Musikstreaming ist innerlich und intensiv, erzeugt das grandiose Gefühl, alles im Griff zu haben, und sei es die größte Jukebox der Welt. Und wie unter Einfluss jeder Droge hält man den eigenen Geschmack für verfeinert, selbst wenn dieser Geschmack von Algorithmen gelenkt wird, stets mehr vom Gleichen findet und dabei akustisch zur Banalität tendiert. Wer vermisst schon die alten Gatekeeper, die Torwächter vor den Musikschätzen: schlecht gelaunte Plattenverkäufer und aufgeblasene Journalisten, die den Massengeschmack verachten. Kann alles weg, oder? Die Frage nach der ersten Streamingdekade ist nun allerdings: Soll man überhaupt noch Musik dazu sagen?

Spotify, der ursprünglich schwedische, längst mit globalem Kapital befeuerte Streaminganbieter, ging 2011 in Österreich und der Schweiz online. In Deutschland, dem weltweit drittgrößten Tonträgermarkt, wurde länger über Geld verhandelt, bis der Dienst 2012 startete. Das Videonetzwerk YouTube funktionierte bereits ab 2005 wie eine Streamingplattform, bevor die Google-Tochterfirma mit YouTube Music ab 2018 in den Markt ihrer Konkurrenten Spotify und Apple Music eindrang. Amazon Music, Deezer, Tidal und andere versuchen ebenfalls Abonnenten zu gewinnen. Entscheidend für den rasanten Aufstieg des Musikstreamings waren ein breites mobiles Netz und Smartphones satt: Von 2010 an sorgte LTE für schnelle Verbindungen, inzwischen besitzen in Deutschland 81 Prozent der Bevölkerung ein Smartphone. Und zu Hause verdrängt der Laptop die Stereoanlage. Eine gründliche Umwälzung innerhalb eines Jahrzehnts. Was davor war – alles vintage!

Der Walkman, mit dem in den frühen Achtzigerjahren die Musik das Laufen lernte, war noch Teil eines Dialogs mit der Öffentlichkeit. Wer einen Walkman trug, war jung und stellte kalifornische Körperkultur oder Popaffinität zur Schau. Das Signal ging auch nach außen. Beim Streaming hingegen strömt alles nach innen. Und was da strömt, wird mit immenser Computerkraft errechnet. Wir hören unseren eigenen Geschmack als endlosen Spiegel, meistens auf Kopfhörer. Dieser Narzissmus des Hörens ist neu. Musik handelte immer von Ritualen, Zeremonien, vom Sozialen. Pop war eine Wissenschaft der Massen, die sammelten, lasen, tauschten und zusammen hörten. Streaming hat das mehr oder weniger erledigt.

Andererseits: Dass wir auf Streamingplattformen so viel tolle neue Musik entdecken können wie noch nie, steht außer Frage. Die globalen Einflüsse werden vielfältiger, der ehemals kostspielige Zugang über Vinyl und Postsendungen ist kein Thema mehr. Doch diese Schranken fielen alle bereits in den Nullerjahren, als das digitale mp3-Format und illegale Tauschbörsen das alte Tonträgergeschäft zerstörten. Da hieß es: Nieder mit den Majors, die so lange obszöne Gewinne eingefahren und die Konsumenten mit überteuerten CDs abgezockt hatten! Im Vergleich zu Spotify, Apple Music oder YouTube Music erscheinen die damals dezimierten Plattenfirmen allerdings heute wie Menschenfreunde. Denn sie arbeiteten mit einer Mischkalkulation: 20 Nieten, ein Gewinner. Die "Nieten" ebenso zu finanzieren, ist wichtig, um den Mittelbau zu fördern und den Markt dynamisch zu halten. Im Streamingmodell verdienen nur die Gewinner genug Geld, alle anderen gehen fast leer aus.

Künstler wollen alles über Fans wissen

Die Folgen dieser Konzentration auf das eine Prozent haben uns schon erreicht. Fast alle heutigen Popgroßkünstler sind älter als 50 Jahre und vor dem Crash der Industrie berühmt geworden. Jetzt gibt es nur noch wenige, die sich mit ihren Karrieren Zeit lassen und sich künstlerisch entwickeln können. Im mittleren Segment überlebt kaum jemand fünf Jahre – die niedrigen Einkünfte aus Streamingtantiemen zwingen Musiker zu pausenlosen Tourneen. Das Resultat: keine Freunde, keine Familie, keine Ruhe, um bestmögliche Alben aufzunehmen. Alles wird unterwegs geregelt, auch der Burnout mit 28, wenn jahrelang erst im Morgengrauen Feierabend ist. Karrieren über mehrere Dekaden sind unter diesen Umständen so gut wie unmöglich. Es fährt ja auch niemand die Tour de France bis 60.

Die sichersten Werte in diesem neuen Musikmarkt sind aber eh nicht die Künstlerinnen, sondern die Plattformen selbst. Spotify ist Verkäufer, ein bisschen Musikmagazin (die Listen, die kurzen Texte unter "Information", die Konzerthinweise), und in einigen Fällen schon Plattenfirma. In erster Linie allerdings ein Datenbroker, wie es ein schwedisches Forscherteam mit deutscher Unterstützung im Buch The Spotify Teardown – Inside the Black Box of Streaming Music Anfang 2019 dargelegt hat. Die Reaktion von Spotify: Versuch, den Forschern die Fördergelder abzudrehen. Wir wissen jetzt, dass die Künstler, die auf Spotify zu hören sind, die Geodaten der Nutzerinnen abrufen können. Sie wissen, welche Songs in welcher Stadt wie oft gestreamt werden. Was Spotify sonst noch weiß über uns, womit der Konzern also das meiste Geld verdient, wird man wohl auch dann nicht herausfinden, wenn man die schwer verständlichen Nutzungsbedingungen immer wieder mit "einverstanden" quittiert. 

Spätestens seit 2015, schreibt das Forscherteam, investiert Spotify vor allem in Technologie, die unser Verhalten studiert, aufzeichnet und diese Erkenntnisse gewinnbringend an Dritte weiterverkauft. Für die Datenernte bietet Musik ein ideales Feld: Weil die User viel mehr Zeit mit Musik verbringen als mit News, weil sie immer wieder zu gewisser Musik zurückkehren, während ein Zeitungsartikel eine viel kürzere Halbwertszeit hat. Nichts schraubt den Wert unserer Datenspuren so in die Höhe wie Verweildauer und direkter Zugang, ohne den Umweg einer intermediären Plattform wie Facebook also. Musikstreaming ist das El Dorado der Datengoldwäscher.

Bis vor zehn Jahren galt: Fans wollen alles über die Künstler wissen. Das war der Grund, Musikmagazine zu kaufen. Heute hat sich dieses Verhältnis umgedreht. Die Künstler wollen alles über die Fans wissen. Wo sie wohnen, welche Lieder sie hören, wie alt sie sind. Das ist der Grund, warum der Musikjournalismus verschwindet. Der Industrie ist das nur recht, sie hat den Journalismus immer nur zähneknirschend geduldet. Heute gehen die Anzeigenbudgets direkt zu Influencern oder direkt zum Streaminganbieter.

Die Kultur der Playlists dreht sich nicht um die Künstlerinnen, sondern nutzt die Nutzerinnen. Es wird nun darum gehen, ob sich die Hörer die Souveränität über ihr Hörverhalten zurückholen können. Ob sie die Streamingtechnologie zu ihrer eigenen machen können.

In 60 Jahren Popgeschichte zeigte sich immer wieder, dass Technologie hackbar und Musik unaufhaltbar ist. Allerdings ist auffällig, dass die großen Protestbewegungen seit Anfang der Zehnerjahre keinen spezifischen Soundtrack mehr haben. Ob die Arabellion in Ägypten und dem Maghreb, ob die Indignados in Spanien oder Occupy in New York City: Musik war nicht ihr Medium. Heute stellt schon gar niemand mehr die Frage, wie Fridays for Future klingt. Protest braucht keinen Pop, Protest nutzt Social Media.

Das mag eben auch daran liegen, dass Musikstreaming dem Pop das popularisierende Element genommen hat: Musik, die in vereinzelten Echokammern zur Erbauung des Individuums gehört wird, kann schwerlich eine gemeinschaftliche Kraft entfalten. Paradoxerweise ist ja aber genau das die große Sehnsucht vieler: die Kommunion der Gleichschwingenden. Dazu allerdings sollte man den Kopfhörer absetzen.