Deborah Dugan hat nach ihrer Suspendierung als Chefin der Grammy-Akademie schwere Vorwürfe gegen die Organisation hinter dem US-Musikpreis erhoben. Die Akademie habe sie beurlaubt, nachdem sie sich über sexuelle Belästigung, Unregelmäßigkeiten bei den Nominierungen für die Grammys sowie anderes Fehlverhalten beschwert habe, schrieb Dugan in einer 44-seitigen Beschwerde an eine Behörde für Gleichstellung am Arbeitsplatz. Die Akademie habe sich mit der Suspendierung an ihr gerächt.

In ihrer Beschwerde machte Dugan öffentlich, dass ihr Vorgänger Neil Portnow offenbar eine ausländische Musikerin nach einem Auftritt in Carnegie Hall vergewaltigt haben soll. Die Vorwürfe gegen Portnow sollen demnach auch der wahre Grund dafür gewesen sein, dass sein Vertrag nicht verlängert wurde. Doch obwohl dem Vorstand der Akademie die Anschuldigungen gegen den ehemaligen Chef bekannt gewesen seien, habe man Dugan gebeten, Portnow als Berater anzustellen, hieß es weiter in dem Schreiben der Ex-Chefin. Die 61-Jährige habe sich aber geweigert, ihren Vorgänger wieder einzustellen.    

Überdies sei Dugan selbst von dem Anwalt der Akademie, Joe Katz, sexuell belästigt worden. Sie habe den Chef der Personalabteilung am 22. Dezember darüber in einer E-Mail informiert. Zudem habe sie sich in der E-Mail unter anderem über Interessenkonflikte und Unregelmäßigkeiten bei den Nominierungen für den Musikpreis beschwert, die auf eine von Männern dominierte Mentalität innerhalb der Organisation zurückgingen. Dugan hatte anschließend rechtliche Schritte angekündigt.

Die Akademie widersprach den Vorwürfen der Ex-Chefin. Es sei "merkwürdig", dass Dugan ihre schweren Anschuldigungen erst erhoben habe, nachdem eine Mitarbeiterin sie des Mobbings beschuldigt habe und eine "giftige und untragbare Arbeitsatmosphäre" beklagte. Überdies sei Dugan erst suspendiert worden, nachdem sie ihren Rücktritt angeboten und 22 Millionen Dollar von der Akademie gefordert habe.

Dugan war als erste Frau an die Spitze der Grammy-Akademie berufen worden. Sie hatte das Amt im vergangenen Sommer von Portnow übernommen, der mit Äußerungen über die männliche Dominanz bei den Grammys eine Kontroverse ausgelöst hatte. Portnow hatte gesagt, Frauen sollten sich mehr "anstrengen", um Anerkennung zu bekommen.

Die diesjährigen Grammys sollten die ersten unter Dugans Leitung werden. Die Musikpreise werden am Sonntag in Los Angeles verliehen. Unter den Favoriten sind die Superstars Lizzo, Billie Eilish und Lil Nas X.