Francesco Tristano - Prelude & Fugue. Eine Hommage an Friedrich Gulda © Foto: Falcon Muse Ent.

Musiker kommen und gehen. Wenn ihre Zeit abgelaufen ist, sinken sie ins Grab und werden vergessen, wenn sie es denn vorher überhaupt zu Bekanntheit gebracht hatten. Der 1930 in Wien geborene Pianist Friedrich Gulda konnte sich zu Lebzeiten über mangelnde Resonanz gewiss nicht beklagen. Wo er auftrat, löste er im Publikum Begeisterung, Kopfschütteln oder Abscheu aus; oft alles zugleich. Er war ein Virtuose, der mit 20 in der New Yorker Carnegie Hall debütierte und eine glänzende Karriere in der klassischen Musik hätte machen können, wäre ihm das Angestammte bloß genug gewesen.

Gulda aber hatte ein Gespür für Krusten. Lustvoll brach er sie auf. Das Heilige und das Weihevolle des Konzertbetriebs, sie waren nicht seins. Nicht nur den Frack warf er ab, irgendwann spielte er sogar nackt im Fernsehen und nicht einmal auf einem Klavier. Er entsagte jener Musik, die er am besten kannte und konnte: den Beethoven-Sonaten, dem wohltemperierten Bach, den Mozartschen Klavierkonzerten. Ende der Sechzigerjahre tönte er, künftighin nur noch das zu tun, was "alle Pianisten meiner Generation gern tun würden, wenn sie nur die Courage hätten: Jazz spielen".

Seine Ankündigung machte er nur halb wahr; er wurde zum Grenzgänger. Hier Debussy und Richard Strauss, da Boogie und Swing. Der Begeisterung für neue Bands, die The Beatles hießen oder The Rolling Stones, schloss sich Jahrzehnte später ein Technofaible an: Im Hawaiihemd tanzte er bei Partys auf Ibiza.

Wo er zu vorgerückter Stunde selbst spielte, gingen der Musikkritik die Augen über: Bei der Premiere seiner Paradise Dance Party in der Münchner Muffathalle weidete sich Spiegel Special 1995 an der Sängerin Shaina, "einer Londoner Studentin halbindischer Abstammung", "in Hot Pants, hohen Schnürstiefeln und einer lässig über den nackten Bauch geknoteten Bluse auf einer kleinen Plattform mitten im Publikum", die "ihren Luxuskörper so lasziv im Rhythmus bewegte", "dass aus des Meisters Genius hinter dem Keyboard die Improvisationen nur so sprudelten".

Für die Klassik war er verloren; sogar für die Neutöner in der E-Musik: "Schönberg ist nicht wirklich neu und Bartók auch nicht", dekretierte er, "die Experimentellen und Aleatoriker schon gleich gar nicht". 

Im Jazz, den er als "das wirklich Fortschrittliche" pries, kam er andererseits nicht recht an. Zu steif sein Spiel, hieß es, nicht auf der Höhe, und dann wiederum nicht tief genug: "Riesig sei die Distanz zu James Last nicht mehr", kolportierte die FAZ posthum die Aussage einer ungenannten Jazz-Sängerin: "In der Überspitzung ahnte man das Niemandsland, in das er gelangt war."

Im April 1999 annoncierte er den eigenen Tod, um sich kurz darauf in der Nacht zu Ostersonntag bei einer "Auferstehungsparty" in Salzburg zurückzumelden. Ein Scherz, der nicht überall gut ankam. Ein Dreivierteljahr später war es dann tatsächlich so weit, treffsicher an Mozarts Geburtstag, dem 27. Januar. "Wollt ihr mit mir fliegen schweben, lasst im Takt die Erde beben", steht auf seinem Grab in Steinbach am Attersee.

Genau zwanzig Jahre ist das nun her, und daran erinnert ein Pianist, der selbst auf Guldas Spuren wandelt, indem auch er die Grenze zwischen Klassik und Nichtklassik konsequent ignoriert. Der Luxemburger Francesco Tristano spielt Bach und Bartók, den er, anders als Gulda, schätzt. Auf Not For Piano adaptierte er vor Jahren Technohymnen für den Flügel. In der Hamburger Elbphilharmonie wie im Berliner Berghain hat er kürzlich seine Tokyo Stories präsentiert, eine klingende Hommage an seine Lieblingsstadt mit eindrücklichen Schwarz-Weiß-Bildern. 

Tristano, Jahrgang 1981, sieht Gulda milder als viele von dessen Zeitgenossen. "Für mich ist er immer eine große Inspiration gewesen", sagt er. "Ich habe ihn persönlich nicht gekannt, nur seine LPs, CDs, auch die so wunderbar neunzigerjahreangehauchten VHS-Kassetten und Laser Discs. Durch ihn habe ich verstanden, dass man als Pianist nicht immer das tun muss, was von einem erwartet wird — vielleicht ist es sogar interessanter, manchmal das Gegenteil zu tun."

Und so veröffentlicht er, Gulda zu Ehren, an dessen 20. Todestag nun einen Videoclip zur beschwingten Erinnerung an das kauzige Genie. "Prelude & Fugue ist eine perfekte barocke Form in Guldas jazzy mood", sagt der 38-Jährige. "Die Partitur habe ich von meinem Kompositionslehrer Claude Lenners erhalten, als ich elf war. Ich habe das Stück schon immer geliebt – das ist doch wirklich der Gulda-Hit!"

Zum Dreh mit der Regisseurin Elena Molina in einer alten Treppenfabrik in Barcelona lud er seinen Freund Daniel Jimènez ein, ein Porträt von Gulda auf den Klavierdeckel zu malen, während er spielt: "Es ist ein Happening." Ob es dem Meister wohl gefallen hätte?