© Mustafah Abdulaziz für ZEIT ONLINE

Als Nicolas Godin mit Schutzhelm, Warnweste und Bauarbeiterstiefeln ausgestattet ist, fragt er, ob es okay sei, wenn er für die Fotos später kurz seine Straßenschuhe anzöge. Kein Problem, sagt die Mitarbeiterin des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) – solange er für die weitere Begehung wieder die schweren Stiefel anziehe, das hier sei nun einmal eine Baustelle. Es ist eine der prominentesten in Deutschland derzeit und das BBR ist zuständig, weil es die wichtigen Bundesbauten betreut: Die Neue Nationalgalerie in Berlin, zwischen 1965 und 1968 nach Plänen von Ludwig Mies van der Rohe erbaut, ist seit 2015 geschlossen. Das Gebäude wird seither vom Architekturbüro David Chipperfield saniert. Im September sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Besuche von Menschen, die nichts mit dem Bau zu tun haben, sind vor der Neueröffnung eigentlich nicht vorgesehen. Andererseits: Nicolas Godin ist studierter Architekt. Den Beruf hat er allerdings nie ausgeübt, Godin ist stattdessen Musiker geworden und als Gründer des französischen Popduos Air seit dem Erscheinen des ein paar Millionen Mal verkauften Debütalbums "Moon Safari" im Jahr 1998 ziemlich weltbekannt. Godin und sein musikalischer Partner Jean-Benoît Dunckel haben seither fünf weitere Alben und zwei Soundtracks aufgenommen.

Jetzt ist Godins zweites Soloalbum "Concrete & Glass" erschienen. Es verdankt seine Existenz der Architektur: Die zehn Songs waren – in anderer Form – ursprünglich Soundtracks für kleine Ausstellungen des bildenden Künstlers Xavier Veilhan. Der hat seit 2012 Arbeiten in einer Serie namens "Architones" in berühmten modernistischen Bauten gezeigt, darunter in Richard Neutras VDL House in L.A. und im Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe. Die Annahme lag deshalb nahe, dass Godin ein Mies-Fan ist. Das sei er tatsächlich, sagt er an diesem Dezembervormittag 2019, er halte die Neue Nationalgalerie für eines der schönsten Gebäude der Welt.

ZEIT ONLINE: Monsieur Godin, Sie haben als junger Mann in Versailles Architektur studiert, sind dann aber nicht Architekt geworden, sondern Musiker. Warum eigentlich?

Nicolas Godin: Die Musik war von Anfang an da. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, habe ich Bilder davon im Kopf, wie ich Musik mache. Trotzdem habe ich dann Architektur studiert, zur Sicherheit. Als ich damit fertig war und eine Stelle hätte antreten müssen, habe ich mir gesagt: Wenn ich jetzt nicht alles auf die Musik setze, werde ich es niemals tun. Hat man einen Berufsweg erst einmal eingeschlagen, bleibt man meist dabei. Ich habe immer davon geträumt, einmal Musiker zu sein, und ich wusste, dass dieser Traum nicht verschwinden würde.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie nicht davon geträumt, irgendwann Häuser zu bauen?

Godin: Mir fehlte die echte Hingabe dafür. Ich hatte eine Begabung für die Architektur, aber ich besaß nicht die nötige Leidenschaft. Ich spürte schon an der Universität, dass ich eigentlich am falschen Ort war. Ich betrachtete meine Kommilitonen und dachte: Ich sollte nicht hier unter Architekten sein, ich sollte mit anderen Musikern sein. Also habe ich aufgegeben.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie ursprünglich zur Architektur hingezogen?

Godin: Mein Vater war Architekt. Das, was wir gerade gemacht haben, durch einen Rohbau zu gehen, eine Baustelle zu besuchen – das habe ich als Kind mit meinem Vater oft gemacht. Er hat häufig auch an Wochenenden gearbeitet, dann hat er mich mit zu seiner Arbeit genommen. Ich habe dadurch ein Auge für Architektur, ich erkenne gute. Aber ich bin noch etwas besser darin, gute Musik zu erkennen.

ZEIT ONLINE: Architektur spielte offenbar doch weiter eine Rolle bei Ihnen, die Aufnahmen zu Airs Debütalbum Moon Safari Mitte der Neunzigerjahre zum Beispiel haben in einem besonderen Haus in Versailles stattgefunden. Was für eines war das?

Godin: Ursprünglich haben wir in meinem Wohnzimmer in Paris aufgenommen, doch dann haben wir unsere Plattenfirma gebeten, für uns einen Ort zu finden, an dem wir unser Equipment ausbreiten und auch nachts arbeiten konnten. In einem regulären Tonstudio wollten wir nicht aufnehmen, wir hatten bis dahin nur home recordings gemacht. Ich hätte gar nicht gewusst, was man in einem Tonstudio tut. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert, das man dann für uns fand, war leer, wunderschön und in einem Wäldchen in Versailles gelegen. Weil ich dort aufgewachsen bin, fühlte ich mich gleich zu Hause.