Als die nächste Nummer eins in Gefahr geriet, griff Justin Bieber zu drastischen Mitteln. Anfang Januar erschien sein neuer Song Yummy, Biebers erste Solosingle seit vier Jahren. Dann kamen die Hochrechnungen rein, und ein Debakel zeichnete sich ab. Platz zwei in den US-Charts, erster Verlierer, geschlagen von dem Rapper Roddy Ricch, der zum blödestmöglichen Zeitpunkt auf TikTok durchgestartet war. Also fuhr Bieber den Rechner hoch, um sich direkt an seine Hundertmillionenschaften in den sozialen Netzwerken zu wenden. Streamt den verdammten Song, lautete die Botschaft des Popstars. Streamt ihn bei der Arbeit, streamt ihn beim Abendessen, und streamt ihn auch im Schlaf.

Was nach einem verzweifelten Frisierversuch der Charts aussah, klang schon plausibler, wenn man sich tatsächlich dazu entblödete, das Stück zu streamen. Yummy ist der Song, in dem gerade geschliffene Trap-Rap-Beats und hintergründiges Tropical-House-Geblubber im selben Algorithmus versanden. Jedes seiner Einzelteile ist auf vage Weise zeitgemäß, klingt aber doch wie aus dem Katalog bestellt. Es empfiehlt sich nicht nur, Biebers Anweisung zu folgen und dieses Lied im Schlaf zu hören. Es ist sogar nahezu unmöglich, dieses Lied zu hören und dabei nicht einzuschlafen.

Dabei gab es hehre Ziele für Bieber und sein Team. Sie haben Yummy als Loblied auf die monogame Lebensbewältigung geschrieben, ein Thema, für das der Musiker brennt, seit er im November 2018 das Model Hailey Baldwin geheiratet hat. Alles, was seitdem passiert ist, zielt darauf ab, den Ehemann neu zu positionieren: keine Partys mehr, kein Vandalismus in der eigenen gated community, keine Haustiere aus dem Reich der Trockennasenprimaten. Stattdessen Demut, Frömmigkeit und Spaß nur noch zu Hause. Ein solider Bieber, der das in Yummy wie folgt ausdrückt: "Yeah, you got that yummy, yum / That yummy, yum / That yummy, yummy". Und gleich noch einmal: "Yeah, you got that yummy, yum / That yummy, yum / That yummy, yummy".

Man sollte an dieser Stelle nicht vergessen, dass es hier um Popmusik geht, die einzige Kunstform, die niemals dumm genug sein kann. Geholfen hat das im Fall von Yummy jedoch nicht. Allen Appellen zum Trotz blieb es beim zweiten Platz der US-Charts. Der TikTok-Rapper Ricch und sein Song The Box (Kindern sicher bekannt als Hit mit der quietschenden Tür) blieben unerreicht. Dabei hatte Bieber selbst auf die App der flüchtigen Lippenbewegungen und -bekenntnisse geschielt. Eigens für den Yummy-Drop war er bei TikTok eingestiegen, um aus dem schlechten Song wenigstens noch ein gutes Meme zu machen. 

 Weil auch das nicht funktioniert hat, steht inzwischen nicht mehr das Lied im Fokus von Biebers Bemühungen, sondern eine Doku namens Seasons. In zehn maximal viertelstündigen Episoden bewirbt der 25-Jährige sein neues Album Changes und seine Streetwear-Marke Drew. Was früher noch auf abendfüllende Länge gestreckt worden wäre, erscheint nun in Form von Hackstückelfilmchen, die Bieber auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht. Ihren Status als größte Müllkippe des Internets hat die Plattform längst verloren. Sie kann sich jedoch weiterhin damit brüsten, Biebers Karriere vor zwölf Jahren den Weg bereitet zu haben. Seasons untersucht nun, was von dieser Karriere noch zu retten ist. 20 Millionen Dollar soll YouTube für den explosiven Stoff bezahlt haben.