Es gibt berührende Momente in dieser doch sehr Pixibuch-mäßigen Inszenierung. Wenn Bieber etwa mit brüchiger Stimme von Panikattacken und Selbstmedikation erzählt, spricht daraus eine Verwundbarkeit, für die seine Songs auf Changes einmal mehr zu genügsam bleiben. Wie so oft in der Popmusik ist die Krankheit spannender als die Heilung: Der neue Bieber und einige seiner Ärzte berichten mit schwer erträglichen Lifecoachplattitüden von Sesshaftigkeit und Stabilität. Sie loben den beruhigenden Einfluss der Ehefrau und betonen, wie vorbildlich Bieber auch seinen spirituellen Haushalt auf Vordermann gebracht habe. Dann klettert der Künstler in ein Sauerstoffzelt, oder er erhält eine Kopfmassage.

Solche Komfortmaßnahmen haben die Aufnahmen von Changes ebenso geprägt wie die omnipräsenten Obstkörbe im Tonstudio. Im immer gleichen Schritttempo bewegt sich das Album voran und umschmiegt seine kaum variierten Beats mit synthetischen Kuscheldetails. Kein anderer Popmusiker hat den EDM-Drop so effektiv und ertragreich auf seine Songs angewandt wie Bieber. Diesmal verzichtet er jedoch auf solche dynamischen Kniffe und nutzt die Freiräume in den Liedern für technisch tadellosen Schmachtgesang. Eben noch kehlig, dann schon wieder Kopfstimme, dazwischen viel Vibrato: Der Künstler schöpft aus einem schier bodenlosen Arsenal der Atemübungen.

Gott und Hailey – ein und dasselbe

Bieber ersingt sich damit ein Leben der ausgeschalteten Kameras, endlosen Pärchenurlaube und sonstigen Abschottungen von der feindlichen Außenwelt. Er versteht Changes als zweifache Hommage an die Zweierbeziehung: Alles, was er seiner Ehefrau im Verlauf des Albums einflüstert, könnte genauso gut für den lieben Gott gemeint sein. Jeder seiner Gebetswürfeltexte lässt sich problemlos auf Hailey Baldwin ummünzen. Selbst E.T.A. erweist sich mit seiner fürchterlich pferdeschwänzigen E-Gitarre nicht als Verbeugung vor den Dichtern der deutschen Romantik. Bieber singt einen Verspätungsblues auf die Ankunftszeit seiner Liebsten.

Dass Changes nun am Valentinstag erscheint, ist so folgerichtig wie grausam. Bieber präsentiert eine vakuumversiegelte Neuordnung seiner Angelegenheiten – und stellt sich damit zugleich dem Konkurrenzkampf einer traditionell erbarmungslosen Branche. Popstars wie Ariana Grande und Billie Eilish haben in Biebers Abwesenheit eine neue Art von Liebeslied in den Charts etabliert. Beziehungen und Sex sind bei ihnen nicht mehr ausschließlich Blümchentapete oder Gewitterhimmel. Trennungen können als Akt der Selbstermächtigung dem eigenen mentalen Wohlbefinden dienen, Kurzbekanntschaften auch ohne höheres Ziel erfüllend sein.

Die makellosen Beziehungslieder auf Changes wirken dagegen schon jetzt überholt. Bieber lässt keine Konflikte und Brüche zu. Die turbulenten Jahre, von denen die Doku handelt, kommen nicht einmal als mahnende Erinnerung vor. Stattdessen markiert das R-’n’-B-Leichtgewicht Intentions einen ärgerlichen Ausrutscher nach unten: Im durchgeschwitzten Robin-Thicke-Stil singt Bieber von einer Frau, die sogar ohne Instagram-Filter gut aussieht. Gedanken an zwischenmenschliches Eigenkapital und brand building erwärmen sein Herz. Dann kommt der Rapper Quavo vom Trap-Trio Migos dazu und stellt eine 50/50-Aufteilung aller romantischen Vermögenswerte in Aussicht. Ist das noch Popmusik oder schon dirty talk auf der BlackRock-Weihnachtsfeier? 

Zumindest ist es bezeichnend für ein Album, das um gemeinsame Selbst- und Segensfindung kreist, aber doch nur in Kalendersprüchen davon erzählt. Natürlich ist auch Intentions als Ode an Hailey Baldwin gemeint. Wie schon Yummy und das gönnerhafte YouTube-Gerede des Bieber-Teams weist ihr aber auch dieser Song die Rolle jener starken Frau zu, die gefälligst hinter jedem Erfolgsmann und kreativen Freigeist zu stehen hat. Baldwin ist da, damit Bieber funktionieren kann. Schon allein dafür hätte sie ein besseres Album verdient.

"Changes" von Justin Bieber ist erschienen bei Def Jam/Universal.