Das Mozarteum in Salzburg hat kürzlich den Umschlag eines Briefes von Wolfgang Amadeus Mozart angekauft, auf dessen Innenseite der Komponist ein umfangreiches Postskriptum hinterließ. Darin beschrieb der Künstler sehr genau, wie er sich die Zielscheiben für einen anstehenden Luftgewehrwettbewerb vorstellte. Besonders interessant daran ist die Fäkalsprache, die Mozart hier verwendet. Ulrich Leisinger ist Musikwissenschaftler, leitet den Wissenschaftlichen Bereich der Stiftung Mozarteum Salzburg, und kann die historischen Hintergründe erklären.

ZEIT ONLINE: Herr Leisinger, die Familie Mozart liebte das sogenannte Bölzlschießen. Wolfgang Amadeus hatte offenbar sehr genaue Vorstellungen, wie eine angemessene Zielscheibe aussehen sollte. Können Sie die kurz beschreiben?

Ulrich Leisinger: Ich zitiere aus dem Brief: "Ein kleiner Mensch mit lichten Haaren steht gebückt da, und zeigt den bloßen Arsch her. Aus seinen Mund gehen die Wort: Guten Appetit zum Schmaus. Der andere wird gemacht, in Stiefl und Sporn, ein rots Kleid, eine schöne Perücke nach der Mode; er muss von mittlerer Größe sein. Er wird in der Positur vorgestellt, wie er den andern just im Arsch leckt. Aus seinen Mund gehen die Worte: Ach, da geht man drüber N'aus."

ZEIT ONLINE: Mozart ist für seine zotige Sprache und überschäumende Fantasie bekannt. Es gibt zahlreiche Post-mortem-Diagnosen, die ihm unter anderem ADHS, Depressionen, manisch-depressives Verhalten oder das Tourettesyndrom unterstellen. Was ist da dran?

Leisinger: Zu Mozarts frühem Tod mit 35 Jahren werden 114 verschiedene Ursachen diskutiert. An einer davon wird er schon gestorben sein. Er war ein sehr lebenslustiger Mensch, der aber auch frustriert sein konnte. Manchmal ist er regelrecht überdreht gewesen, dann wieder niedergeschlagen. Man kann aber nicht einfach per Ferndiagnose sagen, dass er psychisch krank war. Das Tourettesyndrom hatte er ganz bestimmt nicht.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie da so sicher?

Leisinger: Ein Tourettesyndrom äußert sich in bestimmten Tics wie beständigem Fluchen oder obszöner Sprache, die ein Erkrankter nicht kontrollieren kann. Die Diagnosen angeblicher Psychosen und Tics beruhen auf ganz wenigen Dokumenten Mozarts, meistens auf Briefen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. So verwendet Mozart Fäkalsprache überhaupt nur in einem einzigen Brief, der nicht für den Familienkreis bestimmt war. Und selbst der war an einen engen Freund gerichtet.

ZEIT ONLINE: Fäkalsprache war normal für das späte 18. Jahrhundert. Sind die Mozarts ein Musterbeispiel dafür?

Leisinger: So zu reden war weder für die Zeit noch die Familie des Komponisten etwas Außergewöhnliches. Auch Mozarts Mutter verwendete derlei Wörter. Leopold Mozart wollte eine Scheibe für ein Bölzlschießen, zu dem immerhin ein Graf eingeladen hatte, so gestaltet haben, dass eine Bekannte abgebildet wird, wie sie stolpert und dabei "den nacketen Arsch herzeigt". Ein anderes Mal "beichtete" Wolfgang Amadé seinem Vater, er habe kürzlich "lauter Sauereien gereimet, nämlich vom Dreck scheißen und Arsch lecken". Der Sohn betonte, er hätte sich nicht so "gottlos" aufgeführt, wenn ihn nicht eine Begleiterin "gar so sehr animieret und aufgehetzt hätte". Das heißt also, auch im Freundeskreis war eine derbe Sprache gang und gäbe.

ZEIT ONLINE: Mit Joseph Haydn war Mozart befreundet, sie verband eine enge kollegiale Beziehung. Von Haydn sind allerdings keine "Scheiß"-Ausdrücke bekannt.

Leisinger: Dafür gibt es, glaube ich, zwei Gründe: Haydn gehörte der alten Schule an. Er schrieb noch im formalen und steifen Stil des Hochbarocks. Außerdem besitzen wir von Haydn so gut wie keine Familienkorrespondenz.

ZEIT ONLINE: Einen zotigen und überdrehten Reim vertonte Mozart sogar als kurzes Werk für Chor, das immerhin in sein Werksverzeichnis als Nummer 561 Eingang fand. Was können Sie uns darüber sagen?