Viel Brunftgebrüll – Seite 1

Es gibt nicht viele No-Brainer im deutschen Rap, aber #unhatewomen hätte eigentlich ein solcher sein müssen. Vor wenigen Tagen ist die Kampagne "gegen frauenverachtende Hate Speech" gestartet, wie es auf der zugehörigen Website heißt. Dort finden sich unter anderem acht Videos, in denen Frauen besonders sexistische, niederträchtige und/oder gewaltverherrlichende Texte von einigen deutschen Rappern zitieren. Man kann die Initiative unterstützenswert finden, auch wenn man nicht alle Positionen der federführenden Organisation Terre des Femmes teilt. Ihre Notwendigkeit bewies sich jedenfalls nahezu unmittelbar: In dem Moment nämlich, als der ebenfalls zitierte Musiker Fler seine Instagram-Benachrichtigungen checkte.

Eine Nutzerin des sozialen Netzwerks hatte die #unhatewomen-Kampagne geteilt und Fler in ihrem Post markiert. Der Rapper schrieb daraufhin ihr und später auch einigen anderen Unterstützerinnen der Initiative drohende Nachrichten. Auf eine der Frauen, die ihn kritisierten, lobte er ein Kopfgeld aus: "Wer die Nutte ran bringt 2000€ Berlin Charlottenburg", hieß es in seiner Instagram-Story. Die erste von Fler bedrohte Frau hatte sich in der Zwischenzeit schon an einige reichweitenstarke Rapjournalistinnen und -journalisten sowie den Comedian Shahak Shapira gewendet. Shapira machte den Chatverlauf zwischen Fler und der Frau sowie Text- und Sprachnachrichten öffentlich, in denen auch er von Fler bedroht wird.

Nun wäre es an der Zeit gewesen, sich mit den betroffenen Frauen zu solidarisieren. Rapmedien und -künstler, sonstige Medien und Künstler, Fans, Social-Media-User und vielleicht sogar Dietmar Hopp hätten ihre Unterstützung aussprechen und betonen müssen: Misogynie und Sexismus haben keinen Platz in unserer Gesellschaft und damit auch nicht im Deutschrap, und Musiker wie Fler werden mit den Konsequenzen leben müssen. Anschließend hätten alle gemeinsam überlegen können, wie man diesen Worten am besten Taten folgen lässt.

Drohungen gegen alles und jeden

Stattdessen entwickelte sich das, was in der soziologischen Forschungsliteratur als veritabler clusterfuck bezeichnet wird. Fler, Shahak Shapira, ihre jeweiligen Fans und einige Twitter-Passanten meckerten einander durch ihre Smartphones an. Das Hip-Hop-Portal 16 Bars empfahl nicht etwa Fler, sondern dem jüdischen Comedian, die Fresse zu halten. Shapira erhielt antisemitische Hassbotschaften von Anhängern des Rappers. Dieser sprach Drohungen gegen alles und jeden aus. Die Berliner Polizei versuchte, witzig zu sein. Ein Reporterteam von RTL verfolgte Fler über den Berliner Kurfürstendamm, bis der Musiker sich offenbar veranlasst sah, dem Kameramann die Nase blutig zu schlagen. Viel Brunftgebrüll, aber kaum noch Beschäftigung mit dem Ausgangsproblem.

Um zu verstehen, wie all das sein kann, muss man Flers Bedeutung für deutsche Rapmusik und das schwierige Verhältnis der sogenannten Szene und ihrer Medien zum Rest von Gesellschaft und Medienlandschaft kennen. Fler war Mitte der Nullerjahre neben Bushido und Sido das dritte Aushängeschild der Plattenfirma Aggro Berlin. Bevor sich alle Beteiligten zerstritten, wieder vertrugen und wieder zerstritten, führten diese Männer einen neuen Ton in den zuvor weitgehend bildungsbürgerlich geprägten deutschen Hip-Hop ein. Dem Straßenrap bescherten sie einige seiner ersten Mainstreamerfolge. Sido und Bushido wurden sogar zu Popstars. 

Der Höhepunkt der klassistischen Rapkritik

Folglich taten sie, was Popstars tun: Sie bauten Villen und flirteten mit bürgerlicher Anschlussfähigkeit. Fler war dafür nicht gemacht. Auch er zelebrierte seinen sozialen Aufstieg und legte sich eine Berliner Prestigeadresse zu. Für Integrationsbambis und Kleinmachnow, The Voice of Germany und die TV-Total-Wok-WM blieben seine Musik und sein Auftreten jedoch zu hart und ungehobelt, zu stolz und zu töricht. Stattdessen wurde Fler zur Symbolfigur eines bestimmten Deutschrapschlags. Vielen Beobachtern gilt er als Verkörperung der Unvereinbarkeit seines Genres mit den Werten und Überzeugungen der Mehrheitsgesellschaft. Jeder Ausfall, jede Beleidigung und Bedrohung zementiert dieses Bild.

Weil Mehrheiten aber fluid sind und Hip-Hop populär ist wie nie zuvor, kommt es derzeit häufiger zu Zusammenstößen zwischen Deutschrap und bürgerlichen Lagern. Oft üben rapferne Medien berechtige Kritik an frauen- und behindertenverachtenden, homophoben und antisemitischen Überzeugungen mancher Musiker. Ebenso oft ist ihre Kritik von Unkenntnis, Klassismus und einem mindestens latenten Rassismus geprägt. Vorläufiger Höhepunkt der klassistischen Rapkritik war vor einigen Wochen eine Titelgeschichte im Spiegel, die von bösen Jungs auf dem "Planeten Rap" berichtete und eine offenbar drohende Alieninvasion in deutschen Reihenhauskinderzimmern herausarbeitete.

Was diese Geschichte übersah und was auch im jetzigen Streit um sexistische Texte sowie Flers verbale und offenbar auch physische Gewaltausbrüche einmal mehr untergeht, ist der gesamtgesellschaftliche Kontext, von dem sich auch die deutsche Rapmusik nicht loslösen lässt. Es gibt keinen "Planeten Rap", und es gibt auch keine Rap-exklusive Misogynie, keinen Rap-exklusiven Sexismus in Deutschland. Das Problem zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, durch Aufsichtsräte, Fankurven, Klassenzimmer und Baustellentoiletten. Wer es ausschließlich dort verorten will, wo es sich besonders drastisch äußert, verklärt die Tragweite und Komplexität der Diskriminierung.

Keine Toleranz mehr für Sexismus

Viele Rapper und rapnahe Medien neigen nicht zuletzt deshalb zu empfindlichen Reaktionen auf Kritik von außen. Auch für sie wird das Verhalten von Fler jetzt jedoch zum Härtetest. Wer den Einsatz von #unhatewomen schmälert oder Flers Drohgebärden verharmlost, überschreitet eine rote Linie, die nicht verhandelbar sein darf. Gerade dort, wo sich Sexismus, Misogynie, Antisemitismus und Gewaltverherrlichung vollkommen unverhohlen zeigen, ist es wichtig, sie zu benennen und dagegen vorzugehen. "Wir fühlen uns durch die Ereignisse der letzten Tage darin bestätigt, dass verbale Gewalt physische Gewalt erzeugt", sagt Gesa Birkmann, Referentin von Terre des Femmes, zu ZEIT ONLINE. Deren Kampagne suche nun den Schulterschluss mit Rappern und Hip-Hop-Presse.

Nach tagelangen Social-Media-Streitigkeiten könnte sich der Fall damit wieder in Richtung des ursprünglichen Problems entwickeln. Die Rap-Portale Juice und rap.de haben Texte veröffentlicht, in denen sie sich mit den bedrohten Frauen solidarisieren, von Fler distanzieren und beteuern, dass es in ihrer Berichterstattung keine Toleranz mehr für Sexismus und andere Formen von Diskriminierung geben wird. Daran müssen sie sich in Zukunft messen lassen. Andere Rapjournalistinnen und -journalisten stehen in Kontakt mit einer der Frauen, die von Fler bedroht wurde. Sie beraten über Möglichkeiten, Öffentlichkeit für den Fall zu schaffen, ohne zugleich die Musik des Rappers zu promoten. Es könnte ein Anfang sein.