"Geh in die Knie / Und klatsch in die Hände / Beweg deine Hüften / Und tanz den Mussolini": In der deutschen Popmusik der vergangenen Jahrzehnte gab es kaum einen anderen Song, der schon beim allerersten Hören eine solche Wucht zu entfalten vermochte und eine derartige Durchschlagskraft; es gab kaum einen anderen Song, der wie dieser sofort das Gefühl weckte, dass man hier etwas ganz Neues hört; etwas Unbekanntes und Verstörendes; etwas, das sich allen bisher bekannten Kategorien und Gewohnheiten entzieht. "Dreh dich nach rechts / Und klatsch in die Hände / Und mach den Adolf Hitler / Tanz den Adolf Hitler": Das singt Gabi Delgado im Jahr 1981, ein schwitzender, muskulöser, dampfend erotischer Kerl mit nacktem Oberkörper und in groben Springerstiefeln. Aber eigentlich bellt er diese Sätze eher, als dass er sie singt, während sein musikalischer Partner Robert Görl dazu stampfende Sequenzerbeats ablaufen lässt und sich auf einem analogen Schlagzeug verausgabt: "Beweg deinen Hintern / Und wackel mit den Hüften / Klatsch in die Hände / Und tanz den Jesus Christus / Und tanz den Jesus Christus".

Der Mussolini heißt dieser Song, er findet sich auf dem dritten Album der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft, DAF. Gabi Delgado posiert als militärischer Antreiber und Drill Instructor, Robert Görl als das durchdrehende Tier an den Drums, beide sind: höchste Muskelanspannung, reine Kraft und Bewegung. DAF: "Das war die vorübergehende Synchronisation von zwei Menschen mit einer Maschine", hat Gabi Delgado mir einmal im Gespräch gesagt. "Es gab keinen Plan, kein Konzept, kein Bewusstsein." Sie hätten sich zu Organen der Maschinen gemacht und getan, was diese ihnen befahlen. "Wir spielten nicht auf den Maschinen, wir ließen uns von ihnen spielen", sagte Gabi Delgado, und doch streiften die beiden Musiker nicht das Menschliche ab und benahmen sich – wie vor ihnen die ebenfalls aus Düsseldorf stammenden Kraftwerk – als Roboter, als künstliche Wesen ohne Seele, Bewusstsein und Sex. Im Gegenteil, je mehr sich DAF den Maschinen überließen, desto körperlicher, subjektiver und sexueller wurden ihr Auftreten und ihre Musik. "Sex, Tanzen, Liebe, Politik, darum ging es", sagte Delgado.

Geboren wird er als Gabi Delgado-López 1958 im spanischen Córdoba, Ende der Sechzigerjahre wandern seine Eltern mit ihm auf der Flucht vor dem Franco-Regime nach Westdeutschland aus. Seine Jugend verbringt er in wechselnden Städten des Ruhrgebiets und an dessen Peripherie, unter anderem in Dortmund und Wuppertal. Früh geht er in Discos tanzen und wird – weit stärker als die meisten seiner Altersgenossen hierzulande – von der gerade erblühenden US-amerikanischen Disco-Kultur geprägt. Vor allem von deren zweiter Welle, in der die orchestralen Arrangements durch maschinelle Rhythmen ersetzt werden, wie etwa in den ersten Hi-NRG-Tracks von queeren Disco-Sängern und Produzenten wie Sylvester und Patrick Cowley. "Das musikalische Erlebnis, das mein Leben veränderte", hat Delgado zu mir gesagt, "war I Feel Love von Donna Summer und Giorgio Moroder": ein endloser Track, ein stoischer Rhythmus, ein nicht endendes orgiastisches Stöhnen.


1978 zieht er nach Düsseldorf. Dort wird er zum Teil der gerade entstehenden Punk-Szene, die sich im Künstlerschuppen Ratinger Hof trifft: eine, wie er später sagte, "seltsame, hoch explosive Mischung" aus Sex-Pistols-Jüngern und Leuten von der Akademie, Schülern von Joseph Beuys, Fans von Otto Muehl. Zwei fiebrige Jahre lang werden hier ständig neue Bands und Performance-Gruppen in ständig wechselnden Besetzungen gegründet, Delgado spielt unter anderem bei Charley's Girls und Mittagspause, aus denen später die Fehlfarben hervorgehen. "Ich liebte die Energie, die Intensität, die ganze Do-It-Yourself-Attitüde", sagte er, "aber gleichzeitig fand ich den musikalischen Rahmen von Punk furchtbar eng. Ich konnte dieses Gitarre-Bass-Schlagzeug-Ding nicht verstehen; das blieb alles noch so tief in der alten Rockmusik-Tradition". Ihm fehlte die Sehnsucht nach Zukunft und der Wunsch nach Neuerfindung.

Als DAF sich 1978 zu den ersten Proben im Keller des Ratinger Hofs treffen, lärmt Delgado deshalb lieber auf einem Stylophon herum, einem kleinen Keyboard, das mit einem Kunststoffstift bedient wurde; Robert Görl spielt Schlagzeug dazu. Danach zieht Delgado sich kurzzeitig wieder zurück, die erste DAF-Platte Ein Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft besteht aus vorwiegend instrumentalen Miniaturen, die Görl mit anderen Musikern aufnimmt. Als die Band anschließend nach London geht, um dort nach Glück und Erfolg zu suchen, ist er aber wieder dabei; dort treffen sie auf den jungen aufstrebenden Labelchef Daniel Miller, der später als Entdecker von Depeche Mode weltberühmt werden soll. Er finanziert ihnen mit einem Darlehen von seiner Mutter die Aufnahme eines halben Albums im Studio des deutschen Produzenten Conny Plank – auf die Rückseite von Die Kleinen und die Bösen wird ein Mitschnitt von einem Konzert im Electric Ballroom in Camden gepresst.

Auf dieser Platte ist Gabi Delgado erstmals als Sänger zu hören. Viel von dem, was seine Texte später ausmachen wird, ist auf Die Kleinen und die Bösen bereits zu bemerken: die dadaistische Inspiration und das Talent zu Parolen, die sich bis heute im deutschen Wortschatz befinden ("Verschwende deine Jugend" – immer noch ein geflügeltes Wort); die sonderbare Ambivalenz aus Fremdheit und Nähe, mit der sich Delgado als Sohn spanischer Migranten die deutsche Sprache aneignet oder, wie er es selbst formulierte, aus dem Klammergriff der Siebzigerjahre-Schlager "zurückerobert". Und dennoch ist Die Kleinen und die Bösen ein Werk der Transformation: "Es ist eigentlich unser nulltes Album", sagte Delgado, "das eigentliche Debüt ist Alles ist gut."