Ein hartnäckiges Vorurteil lautet: Die erfolgreichsten Songwriter der Musikgeschichte, die Band, mit den nach wie vor höchsten Verkaufszahlen, bestand aus den Genies John Lennon und Paul McCartney und dem ziemlich ebenbürtigen George Harrison. Hinzu kam eben noch Ringo Starr, ein bestenfalls mittelmäßiger Schlagzeuger, der mehr Glück als Talent hatte, bei den Beatles mitspielen zu dürfen. Andauernd alberte er herum, gerne schüttelte er seinen Pilzkopf, doch jederzeit hätte er durch andere, ja, bessere Drummer ersetzt werden können. Das ist Unsinn. Ringos spezifische Rhythmusarbeit ist ebenso essenziell für die Beatles gewesen wie die kompositorischen, instrumentalen und gesanglichen Bravourstücke der drei anderen.

Die Rolle der Schlagzeuger in der Jazz-, Rock- und Popmusik lässt sich mit der von Torhütern beim Fußball vergleichen. Wie die Torwarte beim Fußball haben die Trommlerinnen und Trommler in der Musik eine Sonderrolle: Wenn sie Mist bauen, hat die ganze Mannschaft keine Chance, selbst wenn die anderen brillant spielen. Die ganz großen Torhüter halten freilich nicht nur ihren Kasten sauber, sondern bauen auch das Teamspiel auf. Genau in diesem Sinne ist der schmächtige Ringo ein Großer.

Die wichtigste Drummertugend ist, das Tempo zu halten. Everything Is Timekeeping, lautet die erste aller Schlagzeuger-Regeln. Viele Beatles-Songs sind zusammengesetzt aus diversen Aufnahme-Takes, manche davon sogar an verschiedenen Tagen eingespielt. Dieses nachträgliche Zusammenpuzzeln von Songs ist nur möglich, wenn das Schlagzeug in allen Fassungen dasselbe Tempo gesetzt hat. Ringo war darin ein Meister.

Ein lebendes Metronom

24 Jahre nach Auflösung der Band und 14 Jahre nach John Lennons Ermordung gingen die drei überlebenden Beatles nochmal gemeinsam ins Studio. Lennons Witwe Yoko Ono hatte bis dahin unbekannte Demobänder ihres Mannes freigegeben, und die anderen bauten darum herum zwei allerletzte "echte" Beatles-Songs. In den Studios war es, anders als in den Sechzigerjahren, inzwischen selbstverständlich geworden, dass alle Musiker, auch die Schlagzeuger zum "Click" spielten, ein Metronom im Kopfhörer, das die präzise Geschwindigkeit angibt. Ringo hatte darauf überhaupt keine Lust. In einer Auseinandersetzung mit dem Produzenten prägte er den klassischen Satz: "I am the fucking click." Und in der Tat, Ringo ist ein lebendes Metronom.

Ringo Starr ist einer der geschmackvollsten Drummer der Rockgeschichte. Es geht immer nur um den Song, niemals um ihn. Das Schlagzeug hat sich der Komposition unterzuordnen, was nicht heißt, dass es sie nicht mit überraschenden Akzenten bereichern kann. Vinnie Colaiuta, der Lieblingsschlagzeuger von Virtuosen wie Frank Zappa, Herbie Hancock, Sting und Jeff Beck, hat einmal bekannt, dass ihm Ringos Spiel auf dem Weißen Album der Beatles nach hundertmaligem Hören noch immer den Atem verschlägt. Zu keiner Nummer wäre ihm ein besserer Drumpart eingefallen.

Wenn es darum geht, wer am schnellsten und wer am meisten Noten spielen kann, ist Ringo weit abgeschlagen. In diesen Wettbewerben hätte er keine Chance. Bezeichnend gleichwohl, dass einer dieser Highspeed-Drummer, Mike Portnoy, der zwei Dutzend Mal zum besten Drummer in der Metal- und Progrockszene gewählt wurde, Ringo so verehrt, dass er neben seinen Hauptbands eine Beatles-Coverband unterhält. Portnoy spielt normalerweise ein Drumkit, dass fünfmal so groß ist wie das von Ringo, der mit nur vier Trommeln, zwei Becken und einer Hi-Hat auskam.