Frau am Steuer – Seite 1

Wenn Rosalía bei Shell vorfährt, wird nicht gejammert, sondern vollgetankt. Im Video zu ihrem neuen Song Saoko kreuzt die spanische Musikerin mit ein paar Freundinnen an der Zapfsäule auf, um die Motorräder der Gang für ein illegales Rennen zu rüsten. Der Clip sieht aus wie ein Mash-up aus The Fast and the Furious und Keeping Up With the Kardashians, der Sound dazu klingt schroff und unerbittlich. Rosalía verneigt sich vor Saoco, einem Clubhit der Rapper Wisin und Daddy Yankee aus Puerto Rico, den sie erst mit Jazzgeklimper auf Abwege führt und dann explodieren lässt. Der Song ist also das, was die Popwelt von ihrem dritten Album Motomami erwartet: ein wilder Ritt und Ausblick darauf, wie Popmusik in naher Zukunft klingen könnte.

Das deutsche Publikum hat den Aufstieg von Rosalía Vila Tobella bisher weitgehend verschlafen. Im Rest der Welt ist die 29-Jährige aus der Nähe von Barcelona schon jetzt ein prägender Popstar. Der kolumbianische Rockmusiker Juanes verglich sie mit Beyoncé, Pedro Almodóvar und Barack Obama sind Fans, Billie Eilish nahm einen Song mit ihr auf. Rosalía gewinnt Latin-Grammys im Akkord, dazu gilt sie als Stilikone, die nichts dem Zufall überlässt. Ihr Oberschenkeltattoo ist dem Straps-Motiv nachempfunden, das sich die Performancekünstlerin Valie Export 1970 live vor Publikum selbst stach. Rosalías reich verzierte Fingernägel haben eine eigene Fanseite auf Instagram.

Ein steiler Aufstieg also für eine Künstlerin, die zu Beginn ihrer Karriere noch für Getränkebons in den Flamenco-Bars von Barcelona gesungen hat. Die Songs des Genre-Innovators Camarón de la Isla ließen Rosalía laut eigener Aussage einst den Kopf explodieren, sie lernte daraufhin Gesang, Gitarre und traditionellen Tanz bei diversen Flamenco-Koryphäen und studierte später an einer renommierten Musikschule in ihrer Wahlheimat. Den rohen und eher schlicht gehaltenen Songs ihres Debütalbums Los Angeles aus dem Jahr 2017 hörte man Rosalías klassische Ausbildung noch deutlicher an als etwaige Popstar-Ambitionen.

Nicht viele Menschen können behaupten, dass ihre Abschlussarbeit sie zum Star gemacht hat – Rosalía allerdings schon. Ihr letztes Projekt an der Musikschule, das Album El Mal Querer aus dem Jahr 2018, begründete den Weltruhm der Musikerin. Auf dem Cover erschien Rosalía als nackte Marienfigur mit leuchtender Vulva: katholischer Kitsch, feministisch umgedeutet. Ihre Fans nennen die Sängerin seitdem "Diosalía", ein Kofferwort aus ihrem Namen und dem spanischen Wort für Gott. Rosalía vereinte Hip-Hop, R'n'B, Auto-Tune und palmas, das typisch rhythmische Klatschen des Flamenco. Sie zitierte Justin Timberlake und den Roman Flamenca aus dem 13. Jahrhundert, eine Beziehungsgeschichte, die man heute wohl als toxisch bezeichnen würde.

Es war vor allem der Song Malamente, mit dem Rosalía in die höchste Popliga vorstieß, ein schwereloses Stück mit einem zugehörigen Video von gewichtiger Symbolik. Auf einem dornenbesetzten Skateboard rollt ein nazareno durch die Stadt, ein Büßer mit Spitzhaube, wie man ihn in der Karwoche auf spanischen Straßen sieht. Rosalía rast auf einen Torero zu – schon damals auf einem Motorrad – und schaut ihm furchtlos in die Augen wie ein Stier beim Angriff. Song und Inszenierung waren perfekt, der Umgang mit spanischen Klischees blieb immer elegant. Keine Tourismusbehörde hätte sich einen besseren Imagespot ausdenken können. Der Historienschinken Flamenca wurde wegen großer Nachfrage neu aufgelegt.

Rosalía hat den Flamenco also wachgeküsst – um jetzt mit ihm Schluss zu machen. Auf ihrem dritten Album Motomami findet sich mit Bulerías nur noch ein Flamenco-Song, ansonsten beherrscht futuristischer Latin Pop die Platte. "Ich wandle mich wie ein Schmetterling", singt Rosalía in Saoko. Die rebellische Raupe entpuppt sich als durchdesigntes Gesamtkunstwerk. Auf dem Albumcover ist Rosalía wieder nackt zu sehen, diesmal als eine Art Cyborg mit Krallennägeln, schwarzem Rabenhaarkranz und, natürlich, Motorradhelm.

Auch die Sprache auf Motomami ist ein Kunstgebilde. Von Haus aus spricht Rosalía Spanisch mit Ostküsteneinschlag und Katalanisch. In ihren Songs aber nutzt sie polyglottes Fantasie-Spanglish, das selbst manche Muttersprachler nur schwer verstehen. Rosalía singt, als sei sie im südspanischen Andalusien aufgewachsen, wo man bei der Aussprache die s-Laute und manchmal sogar alle Konsonanten verschluckt. Aus mariposa, dem Schmetterling, wird bei ihr ma'i'po'a: ein Sound zwischen Luftkuss und genervtem Seufzen.

Für manche ein Genie, für andere ein Problemfall

Und wieder ein Latin Grammy: Rosalía bei der Preisverleihung im Januar 2020 in Los Angeles © Alberto E. Rodriguez/​Getty Images

Im Flamenco-Geschäft ist das Fake andaluz gebräuchlich, weil die Kunstform nun mal aus dem Süden Spaniens kommt. Rosalía aber geht weiter auf der Suche nach dem perfekten Pop-Esperanto. In ihren neuen Songs hört man Anglizismen, die sie grundsätzlich nicht Englisch ausspricht, japanische Worte wie im Song Chicken Teriyaki, zuletzt auch immer öfter Slangbegriffe aus Mittelamerika, zum Beispiel pampara. Damit beschreibt vor allem die Jugend in der Dominikanischen Republik ein Lebensgefühl, eine Sehnsucht nach Wohlstand und Leichtigkeit. "Si eres la pampara, nada te puede parar", heißt es in Saoko: Wenn du cool bist, wenn du reich bist, wenn du einfach der Shit bist, kann dich nichts aufhalten.

Zwischen Trends und Traditionen aus Europa, Ostasien, Nordamerika und der Karibik, die von der afrikanischen Diaspora geprägt ist, entwirft Rosalía eine eigene Vision von Gegenwartsmusik. Für manche macht sie das zum Genie – für andere zum Problemfall. Denn beim Wildern im Ideengarten pflückt Rosalía zielsicher die größten Zankäpfel. Schon ihre Spezialdisziplin, der Flamenco, ist ein heikles Thema. Seine Herkunft ist umstritten, gesichert ist der große Einfluss der spanischen Roma. Vertretern deren Community stößt es mitunter sauer auf, dass die weiße Spanierin Rosalía die Traditionsmusik in einer urbanisierten Generation-Z-Version in die Charts bringt, dazu noch Begriffe aus dem caló verwendet, dem Roma-Dialekt der iberischen Halbinsel.

Hinzu kommt, dass die Europäerin Rosalía seit geraumer Zeit recht engagiert versucht, sich ein Latina-Image zu basteln. Im Video zu ihrem Song A Palé trat sie 2019 mit einer Monobraue auf, die offenbar an die mexikanische Malerin Frida Kahlo erinnern sollte. Und nun singt sie auch noch Reggaeton. Der Grundbaustein dieses Stils, der Dembow-Beat, kommt aus Jamaika und fand von dort seinen Weg in die Clubs von Panama bis Los Angeles.

Heute ist die harte Tanzmusik eines der wichtigsten Pop-Exportgüter Lateinamerikas, ähnlich populär und kompliziert wie Gangster-Rap. Reggaeton erzählt vom Leben auf der Straße, von Gewalt, Diskriminierung und Armut, oft jedoch auch auf ignorante, brutale Macho-Art von Partys mit sexy mamis, bei denen es sich üblicherweise nicht um die Mütter der Interpreten handelt. Sich diese Musik als Frau anzueignen, ist eine Ansage. Weibliche Reggaeton-Künstlerinnen wie die Puerto Ricanerin Ivy Queen sehen sich immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert.

Viele Lateinamerikaner verstimmt es, dass gerade ein Hipster-Popstar aus dem Land der conquistadores das freundliche Gesicht des Genres geworden ist. Rosalías neues Album dürfte diese Kritiker nicht verstummen lassen – denn Motomami ist ein Reggaeton-Album für Menschen, die eigentlich keinen Reggaeton hören. Es gibt fiese Club-Banger und einen Bachata-Song mit dem R-'n'-B-Superstar The Weeknd. Daneben stehen aber auch zerschossene Balladen wie Hentai, die man sonst von Billie Eilish kennt.

Als Rosalía mit 15 in der spanischen Castingshow Tú sí que vales auftrat, sagten die Juroren noch, ihrer Stimme fehle es an Charakter. Auf Motomami klingt die flamencoversierte Sängerin nun so, wie eine Cocktailkirsche aussieht: leuchtend, künstlich und unwiderstehlich süß. Das Album zeigt, wie umwerfend Pop sein kann, wenn der Zugriff auf Referenzen aus aller Welt so leicht ist wie in der bestens vernetzten Gegenwart. Es zeigt aber eben auch, wie kompliziert solche vermeintlich Grenzen überwindenden Spiele werden können.

Mit beiden Händen schöpft Rosalía aus dem Fundus afrokaribischer Jugendkulturen, die dem europäischen Publikum lange Zeit eher egal waren. Zumindest aber benennt sie ihre Quellen oder lässt sie sogar an ihrem Erfolg teilhaben. Weil sie etwa den Slangbegriff con altura (übersetzt etwa: mit Stil und Anmut) zuerst bei einem Radiomoderator aus der Dominikanischen Republik hörte, steht dieser als einer der Autoren ihres gleichnamigen Hits von 2019 in den Credits des Songs.

Ob solche Gesten des Respekts von Rosalía als Antwort auf viele verärgerte Fragen ausreichen, werden wohl auch die Reaktionen zu Motomami zeigen. Als Produkt der Globalisierung ist das Album ein ästhetischer Glücksfall. Dass es eben die Globalisierung ist, die auch Abwertung und Ausbeutung mit sich bringt, bleibt ein Problem, dem sich auch Rosalía nicht entziehen kann.

"Motomami"  von Rosalía erscheint am 18. März bei Columbia/Sony.