Liebe Frau Siebeck,
lieber Wolfram Siebeck,
hochansehnliche Geburtstagsrunde,
kurzum: liebe Freunde

Es ist mir die Ehre zugefallen, namens der Redaktion der ZEIT dem Freund, dem Kollegen, dem Meister Wolfram Siebeck zu seinem 75. Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche darzubringen und ihm unseren Dank, unseren Respekt und unsere Verbundenheit auszudrücken.

Lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen:

"Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte in einem kleinen, offenen Zweisitzer, der war innen und außen ganz rot. Und weil auch die Radkappen ganz rot waren, wurde es Rotkäppchen genannt…"

Mit diesen Sätzen begann eine satirische Glosse, die am 18. November 1966 - fast genau vor 37 Jahren - in der ZEIT stand. Der Titel lautete: Rotkäppchen und der Volvo". Soweit ich das habe feststellen können, war es der erste Text, den Wolfram Siebeck bei uns veröffentlicht hat. Er stand übrigens auf der Seite "Scherz, Satire & Ironie", für die Wolfram Siebeck unzählige Glossen schrieb, ehe er sich allmählich zum "Fresspapst der Nation" mauserte, "zu Deutschlands Magenhüter Nr. 1", zum "kulinarischen Gewissen der Bundesrepublik", zum Receptor Germaniae, zu jenem "Moses Siebeck, der die Deutschen aus der Gefangenschaft der Mangel- und Militärküche geführt hat" - um nur einige der Epitheta zu nennen, die ihm im Laufe der Zeit aufgepappt worden sind. Die journalistischen Etikettenkleber waren da sehr erfinderisch. So haben sie ihn auch als "Adorno des Schneebesens" gerühmt, als "Deutschlands feinste Zunge", "berühmtesten Luxus- Esser des Landes" oder "Küchenvater Wolfram". Ich selber vergleiche ihn gern mit einer Neutronenbombe: Wenn die einschlägt, bleibt das Geschirr heil, aber das Gemecker in der Küche hört auf.

Wolfram Siebeck nennt sich in aller Bescheidenheit "Berufs-Esser". Essen, trinken, kochen und kosten und darüber schreiben – das ist sein Leben. Apropos Kosten – nicht das Kosten, sondern die Kosten: die waren erheblich. Der professionelle Schmecker schätzt, dass er im Laufe der Zeit den Gegenwert eines Atomkraftwerks verspeist hat. Unsere Buchhaltung könnte dies wohl genau sagen, aber ich denke, dass die Angabe ungefähr hinkommt – zumal Frau Barbara immer dabei ist, denn allein zu essen hält Siebeck für deprimierend; obendrein wegen des fehlenden Austauschs von Gerichten und Eindrücken auch für unprofessionell. So ist sie, während er zum Vorkoster der Republik avancierte, zur Berufs-Mitesserin geworden. Und wo er vorkochte, da kochte sie mit. Die beiden sind gleichsam an Tisch und Herd vereint, ein unzertrennliches Paar, und ein Teil des Lorbeers – der auf dem Kopf, nicht der im Topf – gebührt ohne Zweifel der Burgherrin auf Mahlberg und Herrin der provenzalischen Sommerresidenz Puy St. Martin, wo sie als große Gärtnerin gefeiert wird.

Es ist Wolfram Siebeck nicht an der Wiege gesungen worden, dass er dereinst eine kometenhafte Karriere als Gastronomie-Kritiker machen sollte. "Niemand wird als Feinschmecker geboren", hat er einmal gesagt. Der Duisburger Junge war spittelig und appetitlos. Kalte Schweinekoteletts, der Fettrand übertüncht von dicker Panade, Klopse mit dem Geschmack nasser Löschblätter, Soleier – das waren die gustatorischen Höhepunkte seiner Jugend.