Von Oliver Pfohlmann, Bamberg

Diesen Winter schickte mich die Bahn aufs Abstellgleis. Das kam so: Gegen 20.30 Uhr stieg ich in Hanau in den RE nach Würzburg. Dort hätte ich laut Reiseplan zur Weiterfahrt nach Bamberg umsteigen müssen. Überraschenderweise zeigte aber die elektronische Anzeige dieses REs bereits "Bamberg" als Zielbahnhof an. Wie schön, dachte ich, dann brauche ich ja gar nicht mehr umzusteigen. Zur Sicherheit fragte ich beim Zugbegleiter nach. Ja, sagte dieser freundlich, Sie haben Glück, dieser Zug ist der einzige, der nach Bamberg durchfährt. Sie können sitzen bleiben.

In Würzburg stiegen viele Leute aus. Das ist dort immer so. Ich blieb sitzen, las Zeitung. Sah mit müden Augen auch den Zugbegleiter aussteigen. Ich weiß noch, dass er vom Bahnsteig aus noch einmal zu mir gesehen hat, ehe er mit seiner Tasche zur Treppe ging, wohl Feierabend machte. Personalwechsel also.

Dachte ich, als erfahrener Bahnkunde. Und blieb gelassen sitzen. Lange. Fünf Minuten. Zehn. In Würzburg gibt es oft längere Aufenthalte. Nach 20 Minuten wurde ich doch unruhig. Ging zur Waggontür, sah hinaus in die finstere Kälte. Niemand zu sehen. Die Anzeige, die etwaige Verspätungen angegeben hätte, war zu weit weg. Eine Durchsage hatte es auch nicht gegeben. Ratlos setzte ich mich wieder. Im Abteil war ich der einzige.

Plötzlich gehen die Lichter aus. Auch die Leuchtanzeige, auf der bis dahin noch immer "Bamberg" gestanden hat. Dann geht das Licht wieder an. Dann ruckt der Zug. Setzt sich endlich in Bewegung. Leider in die falsche Richtung, zurück. Ich schaue hektisch nach draußen. Die Anzeige ist noch immer aus. Weit und breit kein Mensch, den ich fragen könnte.

Ich versuche ruhig zu bleiben, sage mir, dass ich schlimmstenfalls am nächsten Bahnhof aussteigen müsste, um dann wieder den nächsten Richtung Würzburg zu nehmen. Ärgerlich, sicher, aber kein Beinbruch. Schon bald hält der Zug aber wieder an. Setzt sich dann wieder in Bewegung, diesmal in die richtige Richtung. Rangiert er also nur, fährt er jetzt weiter nach Bamberg? Diese Strecke kenne ich aber nicht. Dann hält der Zug wieder, irgendwo. Ich schaue nach draußen, sehe in der Dunkelheit links und rechts viele Züge stehen, aber alle verlassen. Es sieht aus wie ein Abstellbahnhof, wo man die Züge über Nacht stilllegt.

Nacht! Mir fällt ein, dass die Türen zwischen diesen Waggons nur per Knopfdruck aufgehen. Lange wird es nicht mehr dauern, bis im Zug der Strom abgestellt wird. Dann sitze ich hier fest. Mindestens über Nacht. Oder länger. Die Panik überkommt mich endgültig, ich packe meine Sachen, marschiere nach vorne, irgendwo muss doch noch jemand sein, ich gehe durch plötzlich endlos werdende menschenleere Abteile, ich bin tatsächlich der Einzige im Zug, habe vorhin gar nicht gemerkt, dass niemand mehr eingestiegen ist.