Ostern 1964 haben wir geheiratet, und das Ziel unserer Hochzeitsreise war Rom. Damals flog man noch nicht nach Rom, sondern man fuhr ganz selbstverständlich mit der Bahn. Und genauso natürlich zurück. Als meine gerade angetraute Frau und ich mit unseren Koffern zur Rückreise auf dem Bahnsteig des römischen Bahnhofes Termini ankamen, war der schwarz vor Menschen: Gastarbeiter, die jetzt nach dem Ende der Ostertage, die sie zu Hause verbracht hatten, zurück nach Deutschland fuhren.

Als der Zug einlief, wurde er von diesen Menschen geradezu gestürmt. Und als wir schließlich mit viel Mühe in das Innere eines Waggons gelangt waren, waren alle Abteile voll. Dicht an dicht hockten die Menschen, und sie drängten sich auch in den Fluren. Überall, sogar in den Toiletten waren (bis unter die Decke!) Gepäckstücke, oft die bekannten 'Persil-Kartons', gestapelt.

Der Zug fuhr an, und wir hatten nur einen Stehplatz im dichten Gedränge eines engen Ganges. Ein pausenloses Geschubse und Gestoße machte auch das Stehen zur Qual. Stundenlang hielten wir im Gang aus, und es gab keinen einzigen Mann, der meiner jungen Frau seinen Platz angeboten hätte.

Als sich, inzwischen hinter Florenz, der Schaffner wieder einmal durch den Gang kämpfte, sprach ich ihn mit meinen bescheidenen italienischen Sprachkenntnissen an. Ich wies auf meine Frau hin, die nicht mehr in der Lage war, diese Strapazen länger durchzustehen, und ich fragte ihn, ob er uns nicht einen Platz im Gepäckwagen verschaffen könne. Er überlegte - und stimmte zu.

Wir arbeiteten uns gemeinsam, mit unseren sperrigen Koffern, von Waggon zu Waggon durch die engen Menschenmassen, bis wir am Gepäckwagen angekommen waren. Der freundliche Schaffner öffnete uns die Tür - und nun hatten wir Platz und Ruhe im Überfluss! Aber der Gepäckwagen hatte breite Ritze, durch die der jetzt Mitte April noch eiskalte Wind pfiff, vor allem, als es schließlich durch die Alpen ging. Uns wurde furchtbar kalt, aber ich hatte eine Idee: Aus Postsäcken baute ich uns einen Iglu, und wir kuschelten uns darin zusammen. Hochzeitsreise in einem Iglu im Gepäckwagen. Romantik pur!

So fuhren wir bis Basel, wo wir in einen anderen Zug umstiegen.

Fußnote: Wir haben die Deutsche Bahn AG gebeten, zu dem ausgewählten Leser-Beitrag der Woche kurz Stellung zu nehmen. Leider hat die Bahn dies abgelehnt.