Die Bahn legte sich gerade in die zehnte, oder vielleicht auch schon die zwanzigste Kurve auf meiner geliebten Rheinstrecke, als plötzlich ein Ruck durch unseren Großraumwagen ging. Sicher dreißig trenchcoattragende Engländerinnen sprangen an die schon etwas staubigen Fensterscheiben des IC nach München? "Look it’s so beautiful!" Alle schienen vollkommen gefangen von diesem mir schon so vertrauten Anblick der Schlösser und Burgen, die in der Sonne glänzten. Alle außer mir und dieser aufmerksam dreinschauenden Frau, die mir schon seit Köln gegenüber saß. Während unsere englischen Mitreisenden noch die Loreley bestaunten, fasste sie sich plötzlich ein Herz und fragte mich, was ich denn gerade lesen würde. Es war wohl irgendein politikwissenschaftliches Buch, das mich in der Tat sehr gefangen genommen hatte. Als ich ihr erzählte, ich läse es für mein Studium, war das Eis vollends gebrochen und wir gerieten in ein immer vertrauteres Gespräch. Mein Gegenüber war eine Frau um die sechzig. Sie erzählte mir, dass sie früher einmal Lehrerin gewesen sei und auch jetzt noch mit Kindern, am liebsten aller Nationen, arbeite. Sie war gerade Oma geworden und doch kam sie mir manchmal mehr wie ein junges Mädchen vor, das die ganze Welt als ihr Spielfeld betrachtet und dabei ist ihre Figuren auf das große Spiel ihres Lebens vorzubereiten. Als wir schon fast Mannheim erreicht hatten, schaute sie mich plötzlich ganz ernst an und sagte "Ich habe einen Job für sie!". Wenige Tage später schon traf ich mich mit ihrem ehemaligen Chef und ... bekam die Stelle. Ich habe eine tolle Arbeit neben meinem Studium gefunden und einen neuen Freund gewonnen. Als ich vor ein paar Wochen wieder die Rheinstrecke entlang fuhr musste ich wieder an die nette Dame aus dem Zug denken, die mir damals diesen Job und die Freundschaft mit ihrem ehemaligen Chef ermöglicht hatte und bei der ich mich noch gar nicht richtig bedanken konnte. Vielleicht rufe ich sie ja morgen einmal an und treffe mich mit ihr?

Stellungnahme der DB:
Eigentlich empfehlen wir ja die schnellere Neubaustrecke, aber vielleicht taugt die romantische Rheinstrecke ja besser als Jobbörse.