Mein Mann gehört zur Spezies "Homo Eisenbahniensis", eine Art, die weiter verbreitet ist als man vermutet. Ein Mitglied kann man z.B. daran erkennen, dass es auf einer Zugfahrt von Freiburg nach Norden kurz hinter Offenburg die Lektüre (oft das Kursbuch) vom Schoß schiebt, aufsteht und aus dem Fenster blickt; nicht etwa, um ein sehenswertes Gebäude oder Naturmonument zu betrachten, sondern den aktuellen Stand der DB-Neubaustrecke.

Deswegen war er nicht so betrübt wie ich, als wir in den Weihnachtsferien wegen unserer späten Buchung nur noch einen Flug von Hannover aus nach Teneriffa bekommen hatten. Denn diese Konstellation würde ihm ein Eisenbahnereignis erster Güte bescheren: Auf der Heimreise könnte er, statt die Direktverbindung zu nehmen, einen Umweg machen, auf dem er von Dortmund bis Freiburg in einem ICE3 fahren wollte; in diesem Zug kann man einen Platz mit direktem Blick auf den Triebwagenführer reservieren lassen - es gibt Menschen, die die Aussicht auf diese Aussicht glücklich macht!

Am Sonntag, dem 5. Januar, sitzen wir braungebrannt im hannoverschen Flughäfelchen. Von 2.00 Uhr morgens bis 5.00 Uhr müssen wir uns die Zeit vertreiben, bis die erste S-Bahn fährt. Mein Mann ist zwar auch müde, aber der erwartete ultimative Kick der Rückreise hält ihn doch bemerkenswert aufrecht.

Auf dem Weg vom S-Bahnsteig zu unserem "Zubringerzug" macht sich die Differenz zwischen den 26° C auf der Insel und den Minusgraden hier empfindlich bemerkbar. Zum Glück sehe ich von unserem gläsernen Aufzug aus schon einen ICE dastehen - in den ich sofort eingestiegen wäre. Aber der Fachmann sieht gleich, dass es der falsche, der nach Norden, ist. Unser Zug ist unbegreiflicherweise noch nicht bereitgestellt. Zwei Damen, die an ihrem Outfit als zum DB-Personal gehörig zu erkennen sind, wissen auch nichts und trollen sich nach kurzer Zeit. Keine Durchsage trägt zur Klärung der Lage bei. Ich habe das Gefühl, zum Eiszapfen zu mutieren. Nach unendlichen 10 Minuten erscheint auf dem Display für die Zugabfahrt in kleinen Buchstaben der Hinweis " voraussichtlich 20 Min. Verspätung". Das ist zu viel, um den Umweg über Köln zu riskieren; wir könnten den Anschluss verpassen und dann erst zwei Stunden später daheim ankommen. Und das will der Homo Eisenbahniensis seiner müden, verfrorenen Frau dann doch nicht antun.