Laut Anzeigetafel würde der Regionalexpress zur Weiterfahrt nach Aachen Hauptbahnhof mit 15 Minuten Verspätung in Köln eintreffen. Letztendlich waren es zwanzig. Welch ein Glück! Gewöhnlich sind Züge nur dann pünktlich, wenn man selbst Verspätung hat. Aber heute trudelte ich etwa 55 Sekunden vor dem Zug am Bahnsteig Neun ein. Zahlreiche Hälse reckten sich mir entgegen, während ich tief Luft schöpfend zu Abschnitt C ging. Dabei fielen mir ihre markanten Gesichtszüge unter dem gelockten, braunen Haar zum ersten Mal auf.

Im Zug sah ich sie wieder. Nervös kam sie mit einer Zigarette zwischen den Fingern auf mich zu. "Gibt es hier in der Bahn denn kein Eckchen zum Rauchen?", fragte sie mit schmollendem Unterton in der Stimme, ging aber ohne eine Antwort abzuwarten weiter. Ich nahm einen Reiseprospekt hervor und vertiefte mich in Urlaubspläne. Nach einigen Minuten kam sie wieder und setzte sich zögernd neben eine junge Frau auf den Nachbarsitz. "Hach, dass dieser Zug aber auch so spät kommen muss." Jetzt klang ihre Stimme unsicher. Mit roten Fingernägeln trommelte sie auf eine schwarze Aktentasche. Sie schaute um sich. "Kommt irgend jemand aus Aachen, kann mir einer sagen, wie lange die Fahrt nach Aachen dauert?" Laut Fahrplan betrug die Fahrtzeit 59 Minuten. "Hach, wie konnte ich denn wissen, dass dieser Zug so spät kommen muss."

Sie kramte einen Haufen Papiere aus ihrer Aktentasche, obenauf ein Blatt mit grünem Schriftzug: Barmer Ersatzkasse. "Haben sie einen Termin in Aachen?" fragte die junge Frau neben ihr vorsichtig. "Wir besprechen meine Geschlechtsumwandlung", sagte sie und kaute auf einem Nagel. Sie setzte sich gerade und zeigte ihre Brüste. "Soweit bin ich ja schon, aber" - und sie deutete mit einem Nicken auf ihr Geschlechtsteil - "der letzte Schritt fehlt noch." Sie war froh, jemanden zu haben, dem sie all das erzählen konnte. "Ich bin auf dem Weg in ein neues Leben", sagte sie und lächelte.

Eine Zeitlang schwiegen wir. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte mit ihren schwarzen Stöckelschuhen. Während der Zug an überschwemmten Feldern und Äckern vorbeirauschte, hörte ich sie immer wieder seufzen. "Ist das öde hier", stieß sie hervor, "ist das alles noch in der Mache?" In Düren verabschiedeten wir uns. Ich wünschte ihr alles Gute. "Schön, dass wir uns unterhalten haben." Sie winkte mir nach.