Die Deutsche Bahn wird verkannt. Missmutige Berichte über schlechten Service, Verspätungen und überhöhte Preise geben ein völlig falsches Bild einer Institution, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, soziale Missstände zu beseitigen und die Menschen wieder zusammen zu bringen.

Ein Beispiel. Es ist Sonntag Abend. Minus fünfzehn Grad. Großer Andrang herrscht auf dem Erfurter Hauptbahnhof - unzählige Studenten, Wehrdienstleistende und andere egoistische Nichtstuer warten darauf, befördert zu werden. Mit einer läppischen Unpünktlichkeit von etwa 20 Minuten fährt der Zug ein.

Vereinzelt muss man sich den Einstieg erkämpfen, doch trainiert man so gleich noch etwas sein Durchsetzungsvermögen. Bewegungslos steckt man dann mit angehenden Akademikern fest und hat genügend Zeit, neue Beziehungen zu knüpfen. Durch effektive Platznutzung, so das Konzept der Deutschen Bahn, werden zwischenmenschliche Kontakte gefördert und dann ist endlich Schluss mit all der sozialen Kälte in Deutschland.

Eng beieinander schaut man anfangs beklommen in die Luft und auf den Boden. Aber bald schon blitzt so etwas wie Verbundenheit in den Gesichtern auf, teilt man ja immerhin das gleiche Schicksal. Steht man nun so, hautnah mit den neuen Verbündeten, ist die Freude enorm groß, wenn in der nächsten Stadt, auf deren Bahnhof eine mindestens ebenso große Menschenmenge wartet, die Ansage ertönt, dass einer der beiden Triebwagen jetzt abgehängt werde und man sich bitte in den vorderen Teil des Zuges begeben möchte.

Und wenn dann fahrradfahrende Rucksackträger ermutigend in die Menge rufen: "Ach, einer geht doch noch!", dann ist klar, gleich wird es noch gemütlicher. Man möchte sich all den Mitstudenten an den Hals werfen und eigentlich will man dann gar nicht mehr raus, sonntags, aus dem Zug zwischen Erfurt und Jena. Das Leben kann so schön sein.