Nein, dieser Tag fing nicht gut an, gar nicht gut. Der Wecker, die Katzenkotze und die allmorgendliche Schlüsselsuche - das pure Chaos. Das Frühstück, ein Becher Joghurt, auf die Schnelle aus dem Kühlschrank gegrabscht, wollte ich dann ganz in Ruhe im Regionalexpress zu mir nehmen. Ich renne also zum Zug, stürme japsend das Raucherabteil - ja, ja, ein freier Platz, am Fenster, mit Tischchen. Das Problem mit dem Joghurtessen in einem vollbesetzten Pendlertransport ist allerdings folgendes: wohin mit dem leeren, klebrigen Becher? Der passt nämlich nicht ganz in den Aschenbecher. Das hatte ich schon einmal versucht und hinterher angewiderte Blicke geerntet, als mein Gegenüber sich zeitunglesender Weise seiner Asche entledigen wollte und plötzlich Heidelbeerjoghurt an seiner Zigarette hatte. Aber aus Fehlern wird man klug, heißt es, daher entschloss ich mich diesmal, den Joghurtbecher unauffällig ein kleines bisschen zusammen zu drücken, damit er in den Aschenbecher passt. Guter Plan! Ich lehnte mich zurück und ließ die Felder am Fenster vorbei rauschen.

Jetzt war ich bereit, auch meine nähere Umgebung wahrzunehmen. Schock! Schwere Not! Mein Gegenüber: Eine ausgebreitete "Welt" mit nadelgestreiften Beinen darunter - alles mit fliederfarbenen Sprenklern übersät - klein, fein, aber gründlich und von einer Farbe, die meinem Joghurt täuschend ähnelte. Er hatte nichts gemerkt. Was jetzt? Aufstehen, das Abteil verlassen? Mir brach der Schweiß aus. Ich musste ihn ansprechen. Mögen nadelgestreifte Weltleser noch so wenig von meiner Welt sein, er hatte mir schließlich nichts getan. Ansprechen, am besten mit einem Lösungsvorschlag. Irgendwo in den Tiefen dieser Tasche müssen doch noch Taschentücher sein, verdammt.

"Entschuldigen Sie", sagte ich leise und tippte auf das nadelgestreifte, gesprenkelte Knie. "Ich fürchte, ich habe Sie eben mit Joghurt bespritzt..." Ich lächelte dümmlich und fing an, nervös an dem Knie meiner Tat herum zu wischen. "Ach so", brummte der Kopf, der neben der Zeitung hervor schaute, "lassen Sie nur, ist nicht so schlimm, geben Sie mal her." Er nahm das Taschentuch und wischte sich die Spritzer von den Beinen. "Ähm, die Zeitung ist auch noch voll davon", stammelte ich. "Ach so, ja, kein Problem." Mann! Wenn die nicht gewesen wäre, hätte das echt ins Auge gehen können...