Sonntagabend-Interregio mal wieder voll; an den Gangstehern vorbei, ich will einen Sitzplatz, will lesen. Ein bisschen weiter, und tatsächlich: ein Platz für mich, neben einer jungen Frau, hübsch sogar, mit Buch.
"Hallo, ist hier frei?"

"Ja." Sie schaut kaum auf.

Ich packe Lesekladde und Kuli aus, der Kuli fällt auseinander, die Mine purzelt unter den Sitz der Frau. Sie bietet Hilfe an. "Danke, nicht nötig", sage ich und gehe vor ihr auf die Knie. Nicht zu vermeiden, dass ich ihre Beine sehe, nackt, braun und makellos. Rasch tauche ich wieder auf und denke an Adorno.

Das Gewinde des Kulis krächzt. Jetzt versuche ich etwas: "Der Kuli sieht zwar schön aus", sage ich, "aber er zerfällt. Meine Schwäche, ich gebe zu leicht der Schönheit nach."

Ich schaue sie an. Sie lächelt zaghaft und liest weiter. Das tue ich auch.

Erstarrte Wörter stellen sich vor mich wie eine Mauer, verstohlen wandert mein Blick, da sitzt sie, mit ihrem Buch, in ihrer Schönheit. - Imperativ der Vernunft! Bewährt hat sich, zu warten, irgendwann das Lesen einzustellen, und dann. Also: Halte bis Gießen Mund und Augen fest. Aber wenn sie dort aussteigt? Wird sie nicht. Hinter Gießen habe ich noch 30 km Zeit. Das muss reichen.

Kurz vor Gießen lässt sie ihr Buch sinken.