Zu einem Triumph geriet seine Ankunft in Japan. Tränen, Hysterie und das Blitzlichgewitter, erzeugt von hunderten von Kameras: Wo immer David Beckham auftaucht, liegen ihm Massen und ihre Medien zu Füßen. Ob jung oder alt, schwarz, gelb oder weiß, sie alle verehren den blonden Flankengott, den selbst ein Nelson Mandela unbedingt treffen und ihm die Hand schütteln wollte. Die Begegnung zwischen Mandela und Beckham vor einigen Wochen, bevor der Kampf um seine Zukunft offen entbrannte, war von hoher Symbolkraft: Der Märtyrer des Gewissens traf den Trendsetter der Mode; der alte Mann mit den seelischen und physischen Narben drückte die Hand des Jungstars mit den Tätowierungen, die zu Fashionstatements geworden sind. So grundverschieden sie sein mögen, beide, der Friedensnobelpreisträger aus Südafrika und der Fußballer aus England, zählen zu den Ikonen unserer Zeit.

Nun bricht das Fußballidol vom regnerischen Manchester zu neuen, sonnigen Ufern auf, nach einem Pokerspiel mit doppeltem Boden, das das Publikum rund um die Welt in Atem hielt. Mit dem Wechsel zu Real Madrid gelang David Beckham, was Prinzessin Diana versagt blieb. Der Mann, der bereits mit 25 Jahren eine Autobiographie mit dem aufschlussreichen Titel „Meine Welt“ veröffentlichte und dessen Konterfei auf den Titelseiten dieser Welt ebenso häufig prangt wie einst das von Diana, hat geschafft, was der Prinzessin versagt blieb: Er entkommt dem gefährlich destruktiven englischen Ruhm, dem eigentlich auch Diana, wie sie in den Monaten vor ihrem abrupten, tragischen Tod mehrfach kundtat, durch die Flucht ins Ausland entgehen wollte.

Niemand springt gnadenloser mit den neuen Göttern unserer Epoche um als die britischen Medien: Hosianna heute, morgen kreuzige ihn. David Beckham ist Dianas wahrer Erbe. Man ahnte das spätestens, als er zusammen mit Ehefrau Viktoria, deren Ruhm als Posh Spice längst verblichen war, während der prunkvollen, medial hell ausgeleuchteten Hochzeit die Festlichkeiten von einem Thron aus verfolgte; Beckham schaute dem Treiben um ihn herum mit jenem milden, beinah buddhaähnlichen Lächeln auf dem gutgeschnittenen Gesicht zu, mit dem er rüden Anspielungen auf seine mentale wie rhetorische Schlichtheit begegnet.

Kulturkritiker ereifern sich ob des vulgären Geschmacks der Beckhams, deren Landsitz in Hertfordshire „Beckingham Palace“ getauft wurde. Besser als alle Hollywodstars oder Supermodels verkörpern David und Victoria den finalen Triumph der „nouveau rich“, der Klasse der neuen Reichen, die sich nicht schert um ästhetische Traditionen und Sensibilitäten der alten Kultureliten und fröhlich selbstbewusst ihre eigenen Maßstäbe propagiert.

Beckhams neuer Arbeitgeber Real Madrid hat die veränderten Machtverhältnisse in der Welt begriffen und genau deshalb den 28-jährigen Mittelfeldspieler aus Manchester verpflichtet, obwohl, wie Fußballkenner monieren, eigentlich die Abwehr von Real hätte verstärkt werden müssen. Beckham kostet maximal 25 Millionen Pfund, ein Preis, der sich angesichts des kommerziellen Fallouts des Deals als Pappenstil herausstellen dürfte. „Wir haben den Süden der Welt mit dem Brasilianer Ronaldo und unseren argentinischen Spielern; Zinedine Zidane deckt den frankophonen wie arabischen Raum ab. Mit David Beckham besitzen wir nun auch die Ikone des Nordens.“ So die aufschlussreiche Bemerkung des Sportdirektor von Real Madrid. Mit Beckham will der erfolgreichste, berühmteste Club der Welt nun den asiatischen und amerikanischen Markt erobern; Real darf mit einer Explosion von Einnahmen aus Merchandising und Werbeverträgen rechnen.

Fußball und Konsum sind die Ersatzreligionen der Welt; ob die Massen nun zu den Gottesdiensten in die Stadien oder in die Shopping Arkaden strömen, oder ob sie den Botschaften des Kommerzes vor dem Fernsehschirm lauschen - Beckham, auf dessen Rücken ein tätowierter Engel prangt, ist der begnadete Hohepriester beider Ersatzreligionen. Seine Fähigkeit, Freistöße wie kaum jemand sonst mit Effekt zu plazieren und Flanken ebenso scharf wie präzise zu schlagen wird aufs Schönste und Einträglichste ergänzt um seinen Status als Konsumidol. Beckham lebt, um Geld auszugeben und er animiert uns dazu: Trinkt Pepsi, sendet picture messages per Handy, natürlich mit dem von Vodafone, tragt Adidas, nehmt Brylcreme, benutzt Castrol Motorenöl. Beckhams Frisuren, ob geblondete lange Mähne, militanter Kurzhaarschnitt oder gezwirbelte Zöpfchen, sind unverzichtbares Erkennungsmerkmal. Freude am Wechsel der Trends und Moden, Spaß an schrillen, verrückten Einfällen wie an dem hektischen Dauerkonsum, der unseren Gesellschaften die notwendigen Wachstumsschübe verschafft – auch seine manchesmal bizarr anmutenden modischen Ausflüge signalisieren das: der Sarong, den er um sich schlingt, die Stirnbänder oder, bei intimen Anlässen, das Tangahöschen; dem männlich markigen 28-Jährigen, dessen Bild pubertierende Mädchen rund um die Welt an die Wand heften, wird so zugleich eine feminine Seite zugewiesen, die rauhere Fans in Englands Stadien mit derben Spottgesängen auf Beckham den „Poof“, den Schwulen, quittierten.

Beckham der Superstar mit galaktischem Status verdient allein durch einen 2-jährigen Werbevertrag in Japan 5,5 Millionen Pfund. Durch seinen Nebenberuf als Konsumartist und Animateur scheffelt er so viel Geld, dass seine 90.000 Pfund Wochengehalt fürs Kicken beinah als peanuts zu bezeichnen sind. Nur konsequent, dass Fußball im Drama um Beckhams Zukunft letztlich Nebensache war. Es war im Grunde ein ödipaler Konflikt, der da schon lange geschwelt hatte - zwischen dem blonden Siegfried und einem grummelnden, schottischen Urgestein in der Person von Sir Alex. Ferguson ist der Übervater von Manchester United, des reichsten Clubs de Welt. Er mochte nicht länger ertragen, dass jemand größer ist als Club und Manager. Fußballer brauche er, nicht Stars, hat er gesagt. Die Hollywoodisierung des Fußballs missfällt ihm aufs tiefste. Immer häufiger hatte der Manager Beckham zuletzt seine Allgewalt spüren lassen, verbannte den Star auf die Reservebank, fügte ihm die schwere Kränkung zu, indem er ihn im wichtigsten Spiel der Saison, gegen Real Madrid im Halbfinale der europäischen Meisterliga, zunächst garnicht aufbot (Was Beckham als Ersatzspieler auf wunderbarste Weise mit 2 Toren binnen 25 Minuten als schnöden Akt der Eifersucht eines alten Mannes entlarvte).