Die beiden Mädchen sprechen eine Frau an, die mit Plastiktüten in den Händen gerade vom Einkaufen kommt, und bitten sie, ihnen zu helfen. "Wir sind minderjährig", erklärt die eine. "Wir wollen meinen Freund sehen, und man lässt uns nicht hinein." Die Frau lehnt ab, sie habe keinen Pass bei sich.

Die Schwestern, 12 und 14 Jahre alt, kommen aus Mazedonien. Die Ältere, ein apartes Mädchen mit blauen Augen, hellem Teint und dunklen langen Haaren, ist lebhaft. Schnell erzählt sie von sich, während ihre Schwester, die Braunäugige, schweigt, und uns aufmerksam, beinahe sorgenvoll beobachtet. "Meine Eltern sind lange geschieden. Wir leben seit sieben Jahren mit unserer Mutter in Berlin. Sie hat einen rumänischen Freund. Aber es passt meiner Mutter nicht, dass ich mit dem 18-jährigen Bruder ihres Freundes zusammen bin. Jetzt reicht es mir. Ich werde die Schule abbrechen und mit ihm nach Mazedonien gehen. Mein Vater hat uns eingeladen. 'Kommt nur, baut euch ein Haus, ein Leben, und macht was ihr wollt', hat er gesagt. In Mazedonien darf man schon früh heiraten. Meine Schwester kommt mit. Es ist dumm, dass ich Schreiben nur auf Deutsch gelernt habe, aber es wird sich schon was finden, beruflich." Sie mustert mich. "Ich heiße Albina*. Haben Sie einen Pass?"

Wir melden uns am Besuchertor an. Als sich die Gittertür langsam hinter uns schließt und wir an der Mauer entlang zum Besucherhaus gehen, erzählt Albina, dass ihr Freund vor vier Tagen in Abschiebehaft gebracht wurde. "Ich hatte mir in der Nacht schon Sorgen gemacht. Mein Freund geht häufig bis abends spät mit seinen Kumpels spazieren, aber diesmal kam er nicht nach Hause. Ich habe bei der Polizei angerufen und erfahren, dass er hier ist." Im Vorraum des Besucherzimmers legen wir unsere Taschen in ein Schließfach, geben unsere Pässe ab und passieren eine Sicherheitsschleuse. Der Detektor piepst. "Gib das Messer ab", sagt der Polizist zu Albina. Sie zieht Geldmünzen aus der Hosentasche ihrer engen Jeans. Der Beamte sagt zu mir: "Es gelingt den Leuten immer wieder, etwas einzuschleusen. Messer, Feilen oder Drogen finden wir manchmal in Nahrungsmitteln, die sie den Insassen mitbringen. Sie haften jetzt für die Minderjährige. Wenn der junge Mann sie küsst, machen Sie sich strafbar, klar?"

Der Junge, ein Roma, wird durch die Gittertür zu uns gelassen. Er schlurft an unseren Tisch, Händchen halten über dem Tisch ist erlaubt, er greift also nach Albinas Hand und drückt sie fest an sich. Die Sprache, in der sie sich einigermaßen verständigen können, nennt das Mädchen "Zigeunisch" und bittet mich um Verständnis.

Während ich warte, schaue ich mich um. Ein Russe lässt sich von einer Deutschen beraten. Eine Muslima mit Kopftuch küsst ihren Freund. Vietnamesen essen mit ihrem Besuch aus Plastiktellern. Ihre Kinder spielen auf zerschlissenen roten und grauen Matten, die auf dem Boden liegen. Ein Polizist ruft mir zu: 'Wir sind doch eine pumperlmuntere gut gelaunte Gesellschaft, nicht wahr?'