Emir* ist spastisch gelähmt. Er wuchs bei Pflegeeltern und in einem Heim auf. Doch mit Ausbruch des Krieges musste er zurück zu seinen Eltern. Als er 15 Jahre alt war, floh sein Vater mit ihm aus dem Krieg in Sarajevo nach Deutschland. Wenige Monate später ließ er ihn auf einem deutschen Sozialamt zurück. Man brachte ihn in ein Heim für körperlich und geistig behinderte Menschen, das heute sein Zuhause ist. Susanne Simon besuchte ihn zum zweiten Mal.Diesmal erzählt der 28-Jährige von der Ankunft im Heim, seinem Vater und einer Reise nach Sarajevo.

Emir konzentriert sich, um seine Hände zum Strohalm zu führen, der aus dem Glas Cola ragt, und führt ihn zum Mund. Wir sitzen im Gartencafé des Heims für geistig und körperlich Behinderte. Vor zwölf Jahren hatte das Sozialamt ihn hier eingewiesen. "Ich war fassungslos", sagt Emir. "Freundliche Menschen baten mich zu Tisch. Ich glaube, so viel wie an diesem Abend habe ich nie gegessen. Ich sah keine kalten Gänge, keine Zimmer, in denen man haust, sondern ganz normale Wohnungen! Und keine Wärter mit Knüppeln! Ich habe mich gleich entspannt. Dass ich noch einmal von meinem Vater weggegeben wurde, ins Unbekannte hinein, war nicht so schlimm, weil es das zweite Mal war. Der Schmerz wird kleiner, wenn man ihn kennt."

Mit seinem Vater, den er kaum kannte, hatte Emir sechs Monate in einem Flüchtlingsheim in Salzburg gelebt. Rund 100 bosnische Flüchtlinge waren dort untergebracht. Emir empfand Verachtung für seinen Vater, denn er war kein Kämpfer gewesen. Im Gegenteil. Er hatte während des Krieges sein Haus nicht mehr verlassen. Kannte nur den Weg in den Keller, um sich vor Bomben zu schützen. In Salzburg stand er plötzlich Aug in Aug mit anderen Flüchtlingen, die ihm von ihren Leidensgeschichten erzählten. Emir vermutet, das müsse eine furchtbare Erfahrung für den Vater gewesen sein. Jedenfalls wurde er mit einmal - nach dem Krieg und 1000 Kilometer von Sarajevo entfernt - zum Kämpfer und Patrioten. Das konnte Emir nicht ernst nehmen. Ihm wäre ein Vater lieber gewesen, der für die Unabhängigkeit Bosniens sein Leben riskiert hätte, wie der Sohn von Emirs Pflegeeltern. Der war im Krieg gefallen.

"Mein Vater hatte lange gebettelt", fährt Emir fort, "per Post und telefonisch, seine Halbschwester in Deutschland möge uns aufnehmen. Schließlich holte sie uns mit dem Auto ab, hatte Visa besorgt und eine Erklärung abgegeben, für uns aufzukommen. Mein erstes Umfeld in Deutschland war das große Haus ihres Mannes, das er angemietet hatte, um es komplett an Asylbewerber weiterzuvermieten. Mein Vater besorgte uns ein Bleiberecht als anerkannte Flüchtlinge. Ich war unglücklich. Das Flüchtlingslager in Salzburg war ein Rest Heimat gewesen. Ich sehnte mich nach einem friedlichen Bosnien, in das ich zurückkehren könnte, und war verzweifelt über meine Schwäche."

Emir hatte eine Therapeutin, den Heilerziehungspfleger Peter und andere, die ihm halfen, den Krieg und den Verlust seiner Heimat so weit zu bewältigen, dass er heute wieder schlafen kann. "Mein Vater besuchte mich ab und zu. Er verstand aber nicht, dass ich nun versuchte, ein Deutscher zu werden. Er kehrte drei Jahre später nach Sarajevo zurück."

Dann kommt Peter zu uns, auf den wir schon gewartet haben. Er eilt mit langen Schritten, den Motorradhelm unter den Arm geklemmt, an unseren Tisch. Ein schmal in die Höhe gewachsener Mann mit offenem, bärtigem Gesicht. "Hallo, Emir!" Emir strahlt beinahe kindlich. Ich erinnere mich daran, was Peter mir vor meinem ersten Besuch von Emir erzählt hatte: "Der Kerl war eine Herausforderung. Wir haben echte Kämpfe ausgefochten. Er weigerte sich zu duschen. War aggressiv. Hörte laut jugoslawische Popmusik. Er guckte bis tief in die Nacht fern, lag untertags auf dem Bett und schlief in der Schule ein. Er hatte Angst vor der Nacht und konnte nur mit Licht schlafen. Normalerweise halte ich professionelle Distanz zu den Jugendlichen im Heim. Aber Emir ist für mich wie ein Sohn."

Peter biegt den Verschluss von Emirs Silberkettchen zurecht, das er am Handgelenk trägt. "Ich hatte Emir versprochen mit ihm nach Sarajevo zu fahren, um seine Eltern zu besuchen, sobald er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hat. Vor drei Monaten war es so weit. Wir fuhren mit dem Auto." "Mein Vater musste uns per Handy durch die Altstadt lotsen. Ich war so aufgeregt, dass ich den Weg nicht mehr wusste!" "Emir sollte endlich die Gelegenheit haben, Fragen an seine Eltern zu richten, zu erfahren, warum sie ihn weggegeben hatten." Emir grinst: "Ich musste erst einmal duschen. Meine Mutter. Auf dem Teppich kein Staubkorn."