Kurz vor seiner Abreise nach Estland treffen wir uns in einer Berliner Bierbrauerei zum Essen. „Ich werde oft gefragt, warum ich in Berlin lebe - als einer, der in Argentinien geboren und in Nordirland aufgewachsen ist. But first give us a pizza !“ Patrick lacht. „Im Irischen spricht man von sich im Plural.“ © privat

Als der vierjährige Patrick in der katholischen Dorfschule eines kleinen Badeorts nahe Belfast eingeschult wurde, kam ihm etwas zu Bewusstsein. Er saß mit Kindern von der ersten bis zur sechsten Klasse in einem Raum. Die Fenster waren so hoch gebaut, dass zwar Licht hinein fiel, ein Blick nach draußen aber nicht möglich war. Die Lehrerin fragte die Kinder nach ihrem Namen, ihrem Geburtsdatum und -ort. Als Patrick an die Reihe kam, wurde es still im Raum. Allein der Nachname, Zeoli, klang ungewöhnlich.

Unwillkürlich nimmt sein Körper auf dem Brauereistuhl eine aufrechte Haltung ein, wie es damals verlangt war, und verschränkt die Hände hinter dem Sitz. „Ich bin in Argentinien geboren! Die Kinder staunten, für sie schien die ganze Welt im Krankenhaus um die Ecke geboren zu sein. Weder sie noch ich selbst wussten, wo Argentinien liegt. Verschwommen erinnerte ich mich, dass wir vor noch nicht allzu langer Zeit von dort gekommen waren. Am Abend fragte ich meine Mutter, was Argentinien sei. Ein Land, sagte sie, das sehr weit weg ist von hier. Ich fühlte intuitiv, dass ich nicht weiter fragen durfte. Ich begriff, dass ich nur eine Mutter hatte, keinen Vater wie die anderen Kinder. Vor dem Einschlafen versuchte ich mir das ferne Land vorzustellen. Zwei Blautöne bildeten sich vor meinem Auge, etwas Gelb floss hinein - so wie ich das Meer, den Horizont und die Sonne von meinem Kinderzimmerfenster aus sehen konnte. Irgendwo am Ende des Horizonts, sagte ich mir, bist du zur Welt gekommen.

Jedes Jahr bekamen wir Weihnachtsgeschenke von der Schwester meines Vaters aus Argentinien und immer sog ich deren Geruch ein.“ Patrick flüstert: „Bis vor einigen Jahren habe ich an jeder Person, die aus dem Land kam, gerochen, ganz unauffällig. Der Geruch war meine einzige Erinnerung.

Als ich acht Jahre alt war, bekam ich Schallplatten mit argentinischer Musik geschenkt. Die Musik berührte mich zutiefst, auch die spanische Sprache zu hören, die ich als Kleinkind nach Erzählungen meiner Mutter mit englischen Worten gemischt hatte. So soll ich gesagt haben: ‚Mama, look at la luna !’“ Patrick lächelt. „Dies Land wurde eine meiner Hauptbeschäftigungen und heute bin ich Spezialist für argentinische Musik.“

Endlich kommt Patricks Pizza. Da er knapp dran ist, erzählt er zwischen einigen Bissen weiter. Bis heute versucht er die Geschichte seiner Eltern zusammenzusetzen.

„Meine Mutter war eine junge, feuerblutige Irin, sie wäre bis an das Ende der Welt gereist für den Mann, den sie liebt. Meinen Vater Aldo Zielo hatte sie in London lieben gelernt. Als dort sein Stipendium ablief, folgte sie ihm nach Argentinien zum Entsetzen seiner Verlobten und deren Familie. Meine Mutter reiste mit meiner kleinen Schwester an, die bereits in London geboren worden war. Nach sieben Jahren trennten sich meine Eltern. Mein Vater heiratete seine Verlobte, die verlangte, dass er unsere Existenz von nun an verschwieg. Meine vier Halbgeschwister wissen bis heute nicht, dass es uns gibt.