Evanthia sitzt in einem Café mit Blick auf die Volksbühne. Dort wird sie demnächst ein Kunstprojekt mit Schauspielern starten. Ihre schnelle Sprache erinnert an das griechische Sprechtempo und entspricht ihrer Lust, laut zu denken und den Moment auszuschöpfen.

"Einmal hatte ich in Düsseldorf Farben gekauft. Als ich aus der Tür des Geschäfts trat, sah ich, wie eine alte Frau auf der anderen Straßenseite langsam zu Boden sank. Ich schrie nach einem Krankenwagen und rannte zu ihr. Ich nahm sie in die Arme und streichelte sie, um sie zu beruhigen. Als der Krankenwagen kam, war sie schon in meinen Armen gestorben. Ich wand mich ab, als sie versuchten, sie wiederzubeleben, dachte, warum weinst du jetzt? Von einem Moment auf den anderen ist das Leben vorbei. This is what life is about.

In Griechenland wird der Tote gewaschen, schön gekleidet und zu Hause aufgebahrt. Die Tür bleibt über Nacht offen, Freunde und Verwandte kommen, trinken Kaffee und essen etwas. Es wird auch gelacht. Trauer hat ein Prozent Glück in sich. Vielleicht, weil man weiß, dass man selbst noch am Leben ist. Ich bin am Leben, und möchte mich entwickeln und lernen."

Evanthia entschied sich, Thessaloniki zu verlassen, um unter den besten Bedingungen Kunst zu studieren und sich mit einer anderen Kultur zu konfrontieren. Nach einer Europareise wählte sie die Kunstakademie in Düsseldorf. Der Himmel war dunkel und niedrig, monatelang schien keine Sonne, ein Nachtleben gab es nicht. Das nahm Evanthia gerne in Kauf. Wichtige Künstler lehrten dort, das Angebot an theoretischen Vorlesungen war einzigartig. In den Städten der Umgebung konnte sie eine Fülle von Theaterinszenierungen sehen, Tanzproduktionen von Pina Bausch und große Ausstellungen. "Andere verlassen ihr Land wegen einer Liebe", sagt sie, "bei mir war es umgekehrt, ich habe meine Liebe verlassen, um meine Aufgabe als Künstlerin zu erfüllen."

Evanthia denkt eine Weile nach. "Identität ist nicht eine Frage der Nationalität. Die Nationalität ist ein guter Grund zu beginnen, eine Identität zu finden. Und wenn ich in Berlin sage, ich gehe nach Hause, dann meine ich mein Appartement. Aber natürlich hat man eine Herkunft. Meine Mutter ruft mich täglich von zu Hause an, also aus Griechenland, um meine Stimme zu hören. Du hast deine Verwandten, die du dir nicht aussuchst, und deine Freunde, die du selbst wählst, und manchmal fühlst du dich mit ihnen mehr verbunden als mit deinen Verwandten. Fremd fühlte ich mich auch in Griechenland, aber ich kann mich nicht beklagen. 1999 wurde ich eingeladen, zur Biennale in Venedig im griechischen Pavillon auszustellen und das zwei Jahre nach meinem Studium. Ich bekomme Unterstützung aus beiden Ländern. Ich bin nicht aus Not gegangen. Das unterscheidet mich von vielen Migranten.

In Griechenland stand ich vor einiger Zeit in einer Bank Schlange. Ein Grieche begann hässlich über Albaner zu schimpfen. 'Spucken Sie Ihre Meinung über Albaner zu Hause aus', sagte ich scharf. 'Haben Sie keine Gastarbeiter in Ihrer Familie? Haben Sie nichts gelernt? In Griechenland bekommt ein Albaner für einen Job, für den Griechen zehn Euro bekommen, nur drei Euro!'