Mein lieber Urs Willmann, dass ihr Schweizer viel europäischer seid als unsereins und gar als Europa selbst, das ist ja hinlänglich dokumentiert. Aber die Frage, ob und wieso denn ausgerechnet in Ungarn feinste Salami reife - nun, diese Frage kommt vermutlich auf, weil zur Zeit jeder Hans und Franz "ungarische Salami" herstellt, obwohl es doch nur Henrik und Ferenc authentisch können. Wer sich für Bezugsquellen interessiert, google sich Versender von "Pick"-Salami herbei.

Ungarn jedenfalls, darauf bringt mich Urs, ist wirklich ein Thema für Genießer. Wobei ich nicht unbedingt die schmalz-, schweinefleisch-, kohl- und paprikabetriebene Küche meine, die mir überwiegend zu deftig ist und dringend der Verfeinerung durch gewisse Restaurants bedarf (die es allerdings auch gibt, jedenfalls in Budapest). Nein, gemeint sind die Weine. Wobei meine Kenntnis der neuen roten und weißen, die mittlerweile in höhere Qualitäten hineinwachsen, leider begrenzt ist - Ausnahme: Tokaier. Das war in der kommunistischen Zeit überwiegend eine ekle Plörre. Gutes reifte nur im Verborgenen. Aber heute! Man kann nur raten: Wer immer in die Nähe von heutigen Tokaiern kommt, soll zugreifen und probieren. Auf die Zahl der Tönnchen auf dem Etikett achten: Sie heißen Puttunyos (zu deutsch: Butten) und sind ein Index für die Süße des Mostes.

Der ist nämlich eine Mischung aus trockenem Grundwein, dem Aszú beigefügt wird: Das Wort bezeichnet die geschrumpelten Süßweintrauben sowie den daraus gewonnenen Saft, der den Tokaier erst zu dem macht, was er ist, ein gleichberechtigtes Mitglied der Dreieinigkeit aus Sauternes, deutschen edelsüßen Rieslingen und eben dem ungarischen Pendant. Je mehr Butten Schrumpeltrauben pro Tokaierfaß verwendet werden, desto kostbarer das Produkt. Ab sieben Puttunyos entsteht etwas, das in der Spitzenqualität "Eszencia" heisst, fast keinen Alkohol enthält und im Trinker die zauberhaftesten Träume erzeugt. Über sie schweift, dies ein Lesetip meines Freundes Mario Scheuermann, ein ungarischer Dichter tragischen Lebenslaufes aus, es ist Béla Hamvas. Seine "Philosophie des Weins", ein schmales Bändchen mit einem Nachwort von niemand Geringerem als László Földényi, liest sich am Besten mit einem Glas Wein in der Hand. Hierin stehen hübsche Sächelchen: "In jedem Wein wohnt ein kleiner Engel, der, wenn man den Wein trinkt, nicht stirbt, sondern zu den unzählbar vielen kleinen Feen und Engeln gelangt, die dem Menschen innewohnen. Wenn der Mensch trinkt, wird der eintreffende kleine Genius von den bereits Anwesenden mit Gesang und einem Blumenreigen empfangen." Ernstes findet sich auch in dem schönen Buch, so sehr ernst, dass es sich hier im Moment nicht recht einfügen will.

In Ungarn ist es möglich, sich genießend in andere Welten zu begeben. In die Unterwelt zum Beispiel, die sich unter dem Budapester Gellert-Hotel auftut. Dort liegt das gleichnamige Bad, dekoriert mit grünem Meeresgetier aus Stein, verwinkelt und leise, leise, nicht so wie die hiesigen Badeanstalten, die unbedingt "Anstalten" heißen müssen. Der Besucher gibt seine Kleidung einem daherschlurfenden stillen Manne, um badebehost ins Wasser zu gleiten. Holt er seine Plünnen wieder ab, weist der Schlurfmann dem Gast eine mit Leinentüchern abgeteilte Kabine zu und murmelt mit Grabesstimme, und auf Deutsch: "Gesundheit".

Apropos: Ist es gesund, die Salami (Hallo Urs, noch da?) mit Olivenöl zu beträufeln, das Ganze "Vorspeise" zu nennen und es auch noch zu essen? Das habe ich in Spanien erlebt, was mir natürlich nur als Übergang zur obligaten Verkostungsnotiz dienen soll, denn es gab kürzlich im Hamburger Hafenclub einen spanischen Abend. Feine Weine, keine Frage, aber außer der überzeugenden Vertreterin der spanischen Weine ist vor allem erwähnenswert ein Etwas, das aussieht wie eine Flasche billigsten Fusels: Brandy Luis Felipe.

Vorausgeschickt sei, dass ich Brandy meistenteils nicht mag. Und nun diese Pulle, dunkles Milchglas, ein Etikett wie aus der DDR, jahrgangslos - tja, wie man sich täuschen kann. Heraus kam eine beeindruckende, denkwürdige Substanz, streng nach Walnuß, aber auch nach Rosine schmeckend, den Rest des Abends absolut bestimmend. Der Grund ist simpel: 45 Jahre Fasslagerung. Was soll man da sagen? Salud, was sonst. Auf Europa, natürlich, mein lieber Urs.