Stimmt, lieber Urs Willmann, gut Ding will Weile haben. Bisher wart übrigens nicht nur Ihr Schweizer, sondern es waren auch die Briten dafür bekannt, diese Weisheit zu beherzigen, und zwar speziell in puncto Wein. Während beispielsweise im Bordelais auch große Weine gerne jung getrunken werden, zerrt der Brite den Kork möglichst erst dann aus der Flasche, wenn der darinnen wartende Wein schon ein älterer Herr geworden ist.

Dachte ich bisher.

Aber auf meinem Tisch liegt die jüngste Ausgabe des "Decanter", dem britischen Pendant des amerikanischen "Wine Spectators" (und diesem durchaus vorzuziehen). Es ist - Tempo! Tempo! - bereits die Dezemberausgabe (man muss wohl hinzufügen: 2003), und enthält wieder einmal interessante Weintipps. Jeweils mit Angabe zur empfohlenen Lagerzeit, und es sind diese Hinweise, die mir einen Schreck versetzen: Eine 96er Riesling Auslese, aus bester Lage (Zeltinger Sonnenuhr), von Markus Molitor - und die soll nur noch zwei Jahre gelagert werden? Der Cabernet Sauvignon "Cuvee Emile Peynaud" von Mas de Daumas Gasasac soll nur 12 Jahre überstehen? Hallo? Und noch absurder: Der 1998er Vin de Constance (Klein Constantia Estate Wine) habe nur noch zehn Jahre vor sich?

Das wäre schlimm. Ich erinnere mich an einen Vin de Constance aus dem Jahre 1791 (richtig gelesen!), der immer noch einen feinen Duft präsentierte und mit sanfter Säure spielte. Sollte dieser berühmte südafrikanische Süßwein heute nur noch für den sofortigen Verbrauch gemacht sein, wie so viele andere, einstmals langlebige Weine?

Ich habe das Weingut kürzlich besucht und kann Entwarnung geben. Die dort probierten 97er und 98er Vins de Constance, vor allem letzterer, dürften noch den Urenkeln schmecken, wenn sie denn im Rahmen kommender Generationenverträge etwas davon abbekommen. Einen Riesling von 1987 gab's auch zu trinken, der mir erstmals bewies, dass in der Kap-Region einmal gute trockene Rieslinge entstanden; heutige Produktionen reichen da allerdings nicht heran. Stattdessen kommen Sauvignon Blancs aus dieser Gegend auf die Märkte, die zur Weltspitze gerechnet werden dürfen. Sie sind typischerweise auf der eleganten Seite des Spektrums angesiedelt und nur selten auf der mächtigen. Die nach meiner Ansicht zur Zeit schönsten südafrikanischen Sauvignon Blancs (von etwa 40 verkosteten) seien am Ende dieses kleinen Textes aufgeführt:

2003 Thelema Sauvignon Blanc: reintönig, kraftvoll

2002 The Berrio Sauvignon Blanc: Melone, mineralisch, fast etwas Salmi im Geschmack