Am vergangenen Sonntag, auf einer Wanderung durch mainfränkische Weinberge, konnte ich den Duft des Monats Mai noch einmal einatmen. Köstlich! Sobald Waldmeister, früher auch "Maikraut" genannt, in der Nähe ist, tritt sein Aroma aus dem allgemeinen Wald- und Wiesenhintergrund hervor und erinnert an die grünen Brausen und Götterspeisen der Kindheit.

Wollen wir es bitte dabei belassen.

Am ersten Mai bereits gab es Waldmeisterbowle in einem meiner Hamburger Lieblingsrestaurants. Das war um die Mittagszeit und stimmte auf einen wunderbaren Nachmittag ein. Aber den ganzen Monat über tummelt sich nun das grüne Aroma in Speisen und Getränken. Es machte beispielsweise kürzlich den spezifischen Geschmack eines lokalen Rieslingsekts kaputt, es begrub feinen Champagner unter sich, und in einem anderen Hamburger Restaurant beendete ein Dessert aus grünem Tee und Waldmeister vor wenigen Tagen ein ausgesprochen gelungenes Menü auf eher prekäre Weise.

Nein, der allesbeherrschende Waldmeister, wenn man ihn denn in der Küche verwenden will, sollte nur sehr herzhafte Speisen begleiten, etwa Ziegenkäse (in diesem Fall als Auszug: Waldmeister ein paar Tage ins Öl einlegen, das später auf den Käse geträufelt wird). Das Kraut gehört in die gleiche Fallgruppe wie Lavendel. Derartige Aromen, die hochgradig mit Kindheitserinnerungen aufgeladen und außerdem durchdringend sind, sollten nur in feinster Dosierung und als Stachel gegen ein anderes starkes Aroma verwendet werden.

Im Übrigen handelt es sich um ein drogenpolitisches Thema. Waldmeister enthält Cumarin, und das ist ein Stoff, der in feinster Dosierung anregend wirkt, in größeren Mengen jedoch Übelkeit und Kopfschmerzen verursachen kann. Früher dachte man sogar, Waldmeister mache Krebs.

Grün aufgelegt grüßt Sie Ihr
Gero von Randow