Sie, liebe Leser, haben vielleicht bemerkt, dass Gero von Randow seine letztwöchige Kolumne – das Hoch auf ein ungarisches Europa – viel zu früh ins Netz hat stellen lassen: ein wunderschöner Text, zugegeben, der mich an meinen einwöchigen Aufenthalt in Budapest 1986 erinnert hat, an eine Stadt ohne Kneipen fast (einzig im Restaurant Bukarest speisten wir hervorragend; gibt es das noch? Mit gefüllten Paprika auf der Speisekarte? Und einem Bohnensalat an einer milchigen Zitronensauce?). Ein Text, der mich erinnert hat an Häuserzeilen grau in dunkelgrau, an eine Stadt mit imposanten Donaubrücken, gedrosselter Fröhlichkeit (Kommunismus!) und Charme. Aber auch an eine schmuddelige Privatzimmer-Unterkunft an der Béla Bartók-Straße, deren Boden wir mit Zeitungspapier bedeckten, damit wir ein paar Schritte barfuß riskieren konnten, ohne gruselige Einzeller einzufangen.

Aber eben: viel zu früh, die Kolumne. Eine Perturbation * des vereinbarten Zweiwochenrhythmus’, in dem Gero Ihnen (im wöchentlichen Wechsel mit meinen Texten) selber Neues vorzusetzen hat. Fast jeden Tag stand er letzte Woche in meiner Tür: "Na, wo bleibt denn Deine Genießen-Kolumne?" Er hätte da schon ein Thema für seine eigene nächste, hopphopp!, er wolle mich, hüst hott!, jetzt ein wenig, adelante!, vor sich herschieben, sprich: mir Beine machen. Und dabei erinnerte er ein wenig an die französischen Dörfler in Tatis Schützenfest, die den Pöstler mit "Rapidité, les Americains!" zur Eile treiben.

Ein Schweizer aber, lieber Gero, ist kein Amerikaner. Ein Schweizer hat eine Uhr, ein Schweizer liefert pünktlich, ein Schweizer lässt sich nicht hetzen – denn er ist schnell genug, nicht nur im Tennis. Gewisse Dinge brauchen ihre gewisse Zeit. Die Schweizer bauen derzeit einen neuen Tunnel durch die Alpen. Der wird frühestens in elf Jahren fertig sein. Dafür wird er der längste der Welt sein, 57 Kilometer von Erstfeld nach Biasca. Und er wird auch nicht früher fertig sein, wenn der Herr von Randow sich lamentierend vor das Nordportal stellt.

Denn das Bauen eines Tunnels verhält sich im Prinzip wie das Schreiben einer Kolumne und das Reifen eines Laibs Käse: 18monatiger Gruyère braucht 18 Monate. Und wenn man Bündnerfleisch zu schnell trocknen will, dann ist es innen noch nass und wird außen schon furchtbar spröde, so dass man es lange auf der Zunge liegen lassen muss, damit es ihm Hals nicht kratzt. Ich hätte Dir kürzlich doch einen Bündner Hirsch-Salsiz aus Churwalden mitbringen sollen! Oder eine Salami aus Malvaglia, von der Familie Blotti!

Doch im Prinzip hast Du, lieber Gero, das ja alles längst kapiert. Du trinkst gerne lang gelagerte Weine (15jährigen Riesling will ich jetzt endlich mal mit Dir probieren) und schreibst von einem Brandy, 45 Jahre Fasslagerung, schwelgend. Hast selbst gemerkt: Denkwürdige Substanzen (Deine Worte!) reifen nicht hüst und hott.

Und ich räume ein: Nicht alles, was länger vor sich hin dämmert, wird besser. Zum Beispiel Ardbeg. Vielleicht auch Kolumnen, darüber müssen wir reden. Aber dieser Ardbeg, von der Insel Islay, was für ein Whisky! Der 17jährige ist nicht besser geworden, als es der 10jährige derzeit ist. Natürlich ist jener 17jährige, den Du verehrst, anders, reifer, runder, die Ecken brillant abgeschliffen. Er ist das Werk der zwischenzeitlichen Retter, so vermute ich. Denn die Geschichte ist sehr kompliziert. Die Distillerie ging 1981 pleite. 18 Angestellte verloren ihren Job. Die Fässer aber wurden weiter gehegt und gepflegt. Dann wurde Ardbeg wiedereröffnet, 1990. 1996 ging der Laden wieder dicht. Aber das Undenkbare passierte erneut, bereits 1997. Einer der großen Single-Malt-Brüder stieg ein, Glenmorangie, und stellte zum Teil die alten Destilleure wieder ein.

Was man heute zu kaufen kriegt, ist einzigartig. Der zehnjährige ist sehr rauchig. Unmittelbar hinter den ersten Geschmacks- und Geruchsfetzen kommt ein Parfüm, ein Torf-Aroma, und zuletzt eine lang anhaltende Würze (Zimt, etwas Chili), die keck auf der Zungenspitze vor sich hin brennt, fies hängen bleibt, und die ich so noch nie erlebt habe. Wirklich nicht, Gero!