"Wir waren in einem Clubhotel. Getränke mussten immer gleich bezahlt werden. Reicht es, wenn man einmal - am Anfang oder Ende des Urlaubs - Trinkgeld gibt?"
Götz G., München

Lieber Herr G.,

Dies ist eine normative Frage, also eine Frage nach dem Sollen. Weshalb sie sich am Besten beantworten lässt, indem wir uns mit dem Zweck der Norm befassen. Also: Warum soll man überhaupt Trinkgeld geben?

Laien glauben, dass das Trinkgeld eine Belohnung für guten Service darstelle. Daraus ließe sich nun ein ganzes Regelwerk ableiten, etwa, dass gewiss nicht vor Leistungserbringung zu zahlen ist (im Fall des Clubhotels also nicht zu Beginn), oder dass bei schlechter Leistung das Trinkgeld zu unterbleiben habe (die Rache des kleinen Mannes, der sich nicht traut, sich zu beschweren sondern stattdessen eine private Geldstrafe verhängt). Doch es hat gar keinen Sinn, alledem nachzugehen, denn es gibt eine so genannte "Trinkgeldforschung" (kein Witz), sie ressortiert in der Angewandten Sozialpsychologie und kommt zu dem Schluss, dass in der Praxis die Qualität des Services allenfalls fünf Prozent der Trinkgeldhöhe beeinflusst. Den stärksten Einfluss übt der Umfang der Rechnung aus. Wie erklärt sich das? Nun, die Psychologie kann nachweisen, dass das Trinkgeld das Gewissen des Gebenden beruhigt. Ihm ist es im Restaurant, im Hotel, im Taxi, beim Friseur oder sonstwo in der Dienstleistungswelt gut gegangen, da will er, dass der dienstbare Geist, dessen Salär meist bescheiden ist, es sich ebenfalls ein wenig gut gehen lässt – daher der Name "Trinkgeld". Es wird aus diesem Grund auch nicht dem Chef gezahlt. Der psychologische Anreiz, das Geld zu geben, wirkt sogar dann, wenn wir wissen, dass alle Trinkgelder im Restaurant in einen Angestelltentopf wandern. Ja sogar dann, wenn – wie in vielen Ländern – bereits auf der Rechnung steht "10% tip included".

Damit kommen wir der Sache näher. Wer kein Trinkgeld gibt, offenbart sich als jemand, der anderen nichts gönnt. Die Frage ist also folgendermaßen zu beantworten: Vor der Leistung ein Trinkgeld zu geben, ist sinnlos. Bis zum Ende des Urlaubs zu warten, das ist zwar typisch deutsch (wie die Deutschen ohnehin als Trinkgeldmuffel bekannt sind), passt aber auch nicht recht zum Sinn des Trinkgelds: Es soll eine kleine Wohltat aus dem Gefühl der sozialen Gerechtigkeit heraus sein.

Zweierlei noch zum Schluss. Erstens: Gehen Sie zu Beginn eines Hotelurlaubs ruhig mit dem Trinkgeld etwas nach oben. Das erzeugt gute Laune. Vor allem bei Ihnen. Zweitens: Taugt der Service nichts, dann ist es guter Stil, das zu monieren, aber beim Trinkgeld gleichwohl nicht zu knausern. Mit einer Ausnahme: Auf Unfreundlichkeit des Personals, ob im Restaurant oder im Taxi, dürfen Sie guten Gewissens mit Trinkgeldverweigerung reagieren.