"Höhergestellte in meiner Firma kommen von Zeit zu Zeit auf einen zu und bieten das Du an. Aber nicht mit allen möchte ich mich duzen. Wie kann ich beim Sie bleiben und diese Situation für alle Beteiligten elegant umschiffen?"
Bernd Holzbauer, St. Louis, Frankreich

Lieber Bernd Holzbauer,

Bevor ich die Frage beantworten kann, würde ich gerne eine Gegenfrage stellen: Was haben Sie eigentlich für ein Problem? Machen Sie sich gerne klein? Sind Sie ein Hierarchiefreak? Wollen Sie einfach nur klare Anweisungen und nicht selbst mitreden?

Nein, wahrscheinlich sind Sie so nicht. Es gibt eine Menge guter Gründe für das "Sie" bei der Arbeit. Es signalisiert Höflichkeit und Respekt. Es schafft Distanz durchaus in schützender Weise: Will man abends nach einem engagierten 10-Stunden-Tag endlich zur Familie an den Abendbrottisch, und es kommt die Frage vom Chef: "Wollen Sie auch noch eine Pizza?" Dann ist es viel einfacher zu sagen: "Nein, danke, ich gehe jetzt", als wenn er fragt: "Isst du auch noch eine Pizza mit?" Das Duzen suggeriert: Wir sitzen doch alle im gleichen Boot und wollen nur das Eine: Die Nacht durcharbeiten. Alles Quatsch: Ihr Chef verdient viel mehr als Sie. Er muss auch mehr Verantwortung übernehmen und, wenn's nötig ist, auch mehr Überstunden machen.

Geht es in der Firma allzu vertraulich zu, kann es zu vielen Missverständnissen kommen. Deadlines werden nicht so ernst genommen, die der allzu private Chef setzt - die Abmahnung ist aber die gleiche - egal ob sie vom duzenden oder vom siezenden Vorgesetzten kommt.

Ihnen wird von einem Vorgesetzten das Du angetragen, den Sie lieber weiter siezen würden. Warum? Wären Sie der Einzige oder einer unter wenigen aus Ihrem Kollegenkreis, den dieser Vorgesetzte duzt? Warum dann Sie? Bestenfalls arbeiten eben nur Sie so eng miteinander, oder die Person ist zwar höher gestellt, aber in einem ganz anderen Bereich tätig. Schlimmstenfalls stecken manipulative Gründe, die Ausgrenzung anderer oder Ihre Vereinnahmung, hinter der Frage - das reine Gift also.

Wir nähern uns dem entscheidenden Punkt, da Sie offensichtlich am liebsten das Du ablehnen möchten: Warum würden Sie gerne verzichten? Vermuten Sie ebendiese Beweggründe? Dann sollten Sie sich auf das Spiel nicht einlassen und ablehnen. Höflich und ich-bezogen in der Formulierung. Je nachdem, ob bekannt ist, dass Sie sowieso die wenigsten siezen, fällt das leichter. Falls es jedoch – aufgrund des Usus um Sie herum – ein zu großer Affront wäre abzulehnen, könnten Sie sich damit trösten, dass Sie in Zukunft Übung im sachlichen Abgrenzen bekommen werden.