"Für Geschäftspartner habe ich ein Menü ausgewählt, dass 'Dreierlei vom Kalb' enthielt. Dieser Gang entpuppte sich dann zu einem Drittel als Kalbsbries. Erstens: Muss ich (bzw. der Koch) meinen Gästen nicht die Möglichkeit geben, über solche nicht von jedermann goutierten Speisen selbst zu entscheiden? Zweitens: Kann ich, ohne mich als Pienzchen zu erweisen, diesen Teil liegen lassen?"
fragt Anke Westerhoff, Bad Homburg

Lieber Frau Westerhoff,

Gemeinsames Essen, zumal mit Geschäftspartnern, dient der zwischenmenschlichen Bindung. Ihr Medium ist ein höchstpersönliches, nämlich das Genusserlebnis. Misslingt es, dann kann es seine soziale Funktion nicht erfüllen, weshalb der Gastgeber die Wahrscheinlichkeit reduzieren sollte, dass jemandem etwas vorgesetzt wird, das ihm zuwider ist. Dem Gastgeber obliegt es, sich rechtzeitig mit dem Koch zu verständigen. Die erste Frage wird also mit einem 'Ja' beantwortet.

Vertrackter ist die zweite. Dient das Essen dem kulinarischen Vergnügen allein oder kann zumindest sein Bonding-Aspekt insofern vernachlässigt werden, als dass das Verschmähen eines Ganges die Beziehung zum anderen nicht trüben wird, dann lassen Sie Unangenehmes um Himmels Willen auf dem Teller - dies ist ein freies Land.

Der Rest ist Taktik. Verhandlungen mit Geschäftspartnern können einen sogar dazu zwingen, Kröten zu schlucken, was fällt da schon ein Bries ins Gewicht. Verrechnen Sie Ihre Interessen miteinander, die Summe weist den Weg - dies ist nicht nur ein freies, sondern auch ein marktwirtschaftliches Land.