"Wie trägt man Make-up?" ,
fragt Anonymus

Ich gehe davon aus, dass Sie von mir nicht wissen wollen, ob die Lidmitte geeigneter ist als der Lidrand - diese Frage könnten Kollegen anderer Medien viel kompetenter beantworten. Ich interpretiere Ihr Anliegen als Frage nach den grundsätzlichen Gelegenheiten, zu denen man Make-up auflegt.

Warum schminken wir uns? Um einen positiven Eindruck zu machen oder zu verstärken. Offensichtlich gibt es Anlässe, wo man das mit Farbe im Gesicht erreichen kann. Und solche, wo man exakt das Gegenteil erreicht. Schminken ist weitgehend anerkannt (klammern wir das Schminken von Männern aus, weil es noch nach ganz anderen Maßstäben beurteilt wird), dennnoch: Ein achtjähriges Mädchen mit Rouge würde uns verstören. Eine alte Dame, die an der Supermarktkasse mit auffallend falschen Wimpern klimpert, würde belächelt. Und einen Auftritt mit Glitzerlidschatten fänden wir während einer Beerdigung möglicherweise unpassend.

Bezeichnenderweise fallen einem keine Beispiele für Gelegenheiten ein, zu denen wir ein Make-up vermissen würden: Weder an der Braut, die sich doch ganz sicher hübsch machen möchte, noch bei einem beruflichen Termin, zu dem man gepflegt erscheinen sollte - niemals muss fehlende Schminke Anlass zu Verstörung sein. (Wobei es selbstverständlich Berufe gibt, bei denen man regelmäßig geschminkt wird - wie Nachrichtensprecherin und -sprecher oder Fotomodel). Was stört ist ein Zuviel. Als Grundregel kann also gelten: Wenn Sie unsicher sind, nehmen Sie weniger. Dann sind Sie auf der sicheren Seite.

Mit Schminke unterstreichen Sie Ihren Typ: das Extrovertierte an Ihnen, das Mystische, das Elegante - immer aber das Weibliche. Je mehr die Situation also davon lebt, dass Sie als Frau wahrgenommen werden wollen, desto angebrachter mag Make-up sein, typischerweise zum Rendezvous. Oder auch zu Wettkämpfen wie Sychronschwimmen und Tanzen. Diese Sportlerinnen sind sogar extrem stark geschminkt. Ein Hinweis auf einen weiteren Faktor: die Beleuchtung. Je mehr Kunstlicht im Spiel ist und je stereotyper der Eindruck sein soll, desto mehr Lidschatten darf aufgetragen werden. Stereotyp? Das ist nach wie vor der hellrote Lippenstift mit seiner basis-erotischen Wirkung und der helle Lidschatten mit seiner Anspielung auf Mädchenaugen oder der verdunkelte Blick für den Vamp.

Schminken ist auch ein Spiel mit genau jenen Stereotypen. Ebenso, wie Sie mit Kleidung das eine oder andere zu dieser oder jener Gelegenheit ausleben möchten, können Sie mit Kajal und Gloss betonen, provozieren, täuschen. Eines unserer hübschesten Gesellschaftsspiele.

Damit auch alle ihren Spaß dabei haben, braucht man eigentlich nur noch den Tipp von Heidi Klum zu beachten: Egal welches Make-up man wählt, es sollte gepflegt aufgetragen sein. Außer natürlich, wenn Sie heute mal die Schlampe geben wollen.

Ihre
Wenke Husmann
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