"Oh, dieses Kind!" - dieser Stoßseufzer gehört zum täglichen Vokabular der Mutter. Die Kleine ist aber auch stressig. Ob sich da schon die berühmt-berüchtigten Einzelkind-Allüren zeigen? Sie, die Mutter, hat irgendwo gelesen, Einzelkinder müssten sozial gefördert werden, zum Beispiel in Krabbelgruppen. Beim pädagogisch sinnvollen Spielen, sagen die Ratgeber, erlerne das Kind alle möglichen Tugenden. Das kann man überall nachlesen.

Gott sei Dank ist das mit dem Nachlesen nicht so schwer. Allein ein Gang durch die Pädagogik-Abteilungen von größeren Buchhandlungen lässt dem Ratsuchenden den Mund offen stehen: Alle erdenklichen Problemfelder sind bestens erarbeitet und in praktische und verständliche Häppchen aufgeteilt. Hyperaktiv? Zu langsam? Aggressiv? Legasthenie? Nesthäkchen-, Sandwich- oder Einzelkind? Alleinerziehend? Es lauern, soviel wird suggeriert, Gefahren in jeder Konstellation. Der Käufer und Laienpädagoge soll vorbeugen, damit aus dem Einzelkind kein Einzelkind wird. Durchschnittlich sieben bis zehn Euro kostet ein gedrucktes Paket gut gemeinter Ratschläge, viele davon kommen aus dem Amerikanischen. Strahlend lächeln ewig glückliche Familien vom pastellfarbenen Cover.

Erziehungsratgeber sind keine Neuheiten. Seit Jean-Jacques Rousseau 1762 seinen berühmten Erziehungsroman Emile oder: über die Erziehung verfasste, haben Philosophen und Pädagogen Ratgeber verfasst. Rousseau war damals der Auffassung, die Erziehung eines Menschen bestehe darin, zu verhindern, dass er von der verdorbenen Gesellschaft beeinflusst werde. Erziehung solle die individuellen Anlagen intensivieren. Diese Theorie Rousseaus war tief in seiner politischen Überzeugung und gesellschaftlichen Philosophie verwurzelt.

Heute geben die meisten Handbücher praktische Ratschläge für den Alltag, oft allerdings, ohne auf wissenschaftliche Zusammenhänge zu achten. Sie orientieren sich nicht an der Forschung (die ein Scheitern von Erziehung als Möglichkeit mit einschlösse) sondern konzentrieren sich auf die Vermittlung des Ideals vom Familienglück - ganz easy im Acht-Punkte-Plan. Aufgrund dieser Schlichtheit erreichen sie Bestsellerauflagen, und ständig kommen neue Handbücher auf den Markt. Das Problem: Ursachen von individuellen Problemen werden allein in der Erziehung gesucht, und im Umkehrschluss ist Erziehung in jede Richtung möglich. Ob nun ein mehrsprachiges Resultat gewünscht ist, Geschwisterliebe oder -rivalität gefördert werden soll, eine Scheidung ansteht oder die Essgewohnheiten geändert werden sollen: Alles erscheint einfach mit dem richtigen Ratgeber zur Hand.

Was hat das zur Folge? Natürlich wollen die lesenden Eltern nur das Beste für ihr Kind. Und die zugrunde liegenden Werte der beratenden Schriftstücke sind natürlich moralisch korrekt. Alle Absichten erscheinen im besten Licht, damit Kinder glücklich und innerlich gestärkt in jedem Lebensabschnitt vorankommen. Aber hier liegt auch das Problem. Kinder werden nicht mehr im Hier und Jetzt begleitet, sie werden immer auf eine Zukunft hin orientiert, sie werden (mit dem richtigen Ratgeber) geformt. Gelingen von Erziehung bedeutet nur noch, dass das Verhalten der Eltern mit dem Wissen der Ratgeber übereinstimmt. Gelänge dies, würde es die charakterliche Pluralität reduzieren. Familien- und Lebensglück als Rezept, dessen Zutaten man bloß noch besorgen muss?

Die Nähe zu Fernsehwerbung wird aus diesem Blickwinkel offenbar. Auch hier wird ein Ideal von Glück vermittelt. Ausgehend von der Annahme, dass Menschen problemlos formbar sind, wenn man nur auf den richtigen Knopf drückt, beeinflusst Werbung die Entscheidung – immer indem sie das Gefühl der Freiheit bewahrt. Aber beide, Werbung wie Ratgeberliteratur leben davon, dass sie neue Muster von Harmonie- und Glücksbedürfnissen aufstellen, die nur mit dem umworbenen Produkt bzw. dem Ratgeber erreichbar scheinen. Sie sind ein Fass ohne Boden: Es können immer neue Varianten der individuellen Problemlagen von Familien ersonnen und die entsprechenden Lösungen angeboten werden.

Nur die Erziehung zur Selbständigkeit wird von der Ratgeberliteratur bisher erfolgreich umschifft. Das nimmt kaum Wunder: Die Fibel auf Metaebene - der Ratgeber gegen Ratgeber - muss erst noch geschrieben werden.