Thomas von Randow wurde am 26.12.1921 in Breslau geboren. Er ist Mathematikprofessor und lehrte am MIT, demMassachusetts Institut of Technology , bevor er Redakteur der ZEIT wurde und den Wissenschaftsjournalismus entwickelte. Heute lebt er allein in seiner Wohnung in Hamburg. Dies ist der 2. Teil unseres Gesprächs.

Allmählich schwindet das Licht aus dem Zimmer, noch eine halbe Flasche Champagner Zeit für Geschichten. Zurückgelehnt in seinen Sessel war Herr von Randow dabei, sich an die Zeit in Brüssel zu erinnern . Er lächelt. "Tatsächlich, ich wollte doch... richtig, ich wollte heiraten. Und da kam mir die Urlaubssperre in die Quere, ich musste warten und meine Frau war bereits hochschwanger. Endlich konnte ich reisen. Meine Frau war bei Verwandten einquartiert auf dem Geilenberg bei Hindelang. Der Standesbeamte kam mit seiner Dokumenten-Tinte auf Skiern herauf gefahren. Meine Braut lag mit Angina im Bett, ich stand neben ihr in meiner miesen Uniform, die mir, wie gesagt, nicht passte, und der Standesbeamte suchte nach der Tinte. So einen neumodischen Kram wie Kugelschreiber wollte er nicht benutzen. Dann kam die Trauzeugin ins Zimmer. Eine Zufallsbekanntschaft, die für den Akt der Eheschließung notwendig war. Ich kann es nicht beschwören, glaube aber zu erinnern, dass es Frau Hess war, die Schwester von Rudolf Hess. Ich habe das einmal am Computer recherchiert. Und tatsächlich, Frau Hess wohnte immer noch auf dem Geilenberg.

Wir feierten mit einer Pulle Sekt - war damals schwer zu bekommen - und meine Frau war tapfer dabei. Meine erste große Liebe, die eigentlich nie zu Ende gegangen ist. Ich besuche sie, meine beiden Töchter und Enkelkinder jedes Jahr für vier Wochen in Maine. Das ist dann auch genug, ich habe ja hier auch eine Familie. Wissen Sie, meine erste Frau ist zwar zwei Jahre älter als ich, aber jünger im Wesen, und viel besser dran mit ihrem Gedächtnis. Es ist furchtbar: Manchmal nehme ich ein Buch in die Hand und weiß zunächst nicht, ob ich es je gelesen habe.

Der Gelenkrheumatismus, den ich gar nicht hatte, bescherte mir übrigens noch etwas Gutes: Ich bekam Studienurlaub und studierte in Berlin Mathematik. Das war trotz der Bombenangriffe eine schöne Zeit. Ich kam dort in Gesellschaft mit Menschen, die lieben, was ich liebe: die Mathematik, die eine hinreißende Wissenschaft ist. Ursprünglich wurde sie fast nur von Männern betrieben, aber während des Krieges begannen plötzlich viele Frauen mit diesem Studium. Das war mit einmal en vogue . Die Wirkung war sehr belebend." Herr von Randow strahlt. "Wie hat Professor Zassendorf immer gesagt? 'Wir leben hier wie in einem Nonnenkloster!' Die Frauen überwogen.

Nicht nur, dass die Tatsache an sich Spaß gemacht hat, Frauen hatten eine andere Herangehensweise an die Mathematik. Viel praktischer, mutiger im Angriff auf mathematische Probleme, auch gefühlsbetonter. Früher konnte ich das an Beispielen belegen. Heute macht sich der Unterschied nicht mehr so bemerkbar, glaube ich. Haben Sie nicht Hunger?" "Nein, und Sie?", frage ich zurück, nicht wissend, ob er längst etwas essen müsste. "Nein", gesteht Herr von Randow. "Wenn ich Canard Duchene habe, bin ich immer zufrieden, das ist meine fehlerhafte Struktur."