Frau Weisheit wurde am 11. September 1904 in Bielefeld geboren. Sie lernte Weißnähen und leitete eine Nähstube, bis sie ihren Mann, einen Textilingenieur, heiratete. Vor zwei Jahren zog sie nach Berlin in den Katharinenhof, wo ihre Tochter ihr ein Appartement aussuchte. Dies ist ihr zweites Gespräch mit Susanne Simon. Sie erzählt von ihrer Schwester, mit der sie in Bielefeld in einem Altersheim leben wollte

"Meine Schwester griff nach meiner Hand, wir waren beide Witwen und saßen zum ersten Mal in einem Flugzeug. Wir flogen auf die Insel Madeira. Der Flugplatz sei klein, hieß es, und die Landung könne für Passagiere unangenehm werden. Sie hatte Angst. 'Wenn du jetzt nicht bei mir wärest, würde ich mich sehr fürchten!' 'Wenn wir nun abstürzen, kann ich dir auch nicht helfen', entgegnete ich. Das war ein scharfer Satz, der mir heute - sie starb diesen Sommer und ließ mich allein zurück - leid tut.

Als ich Witwe wurde wie sie, zog ich nach Bielefeld in die Wohnung, die über ihrer lag. 13 schöne Jahre hatten wir miteinander. Nun habe ich viel Zeit. Lesen ist mir nicht mehr möglich, auch nicht das Versetzen von Knöpfen, was günstig wäre, weil ich mich besonders um die Taille herum verändert habe. Spazieren gehen kann ich nur zweimal am Tag. Ich habe kaum noch Möglichkeiten, das Nichts zu überbrücken. Gerade füllt es sich mit dem Gefühl, wie meine Schwester ängstlich meine Hand nimmt, und im Nichts entsteht eine Stimmung, die ungefähr 80 Jahre zurück liegt.

Mädchen aus meiner Klasse lachen hinter meinem Rücken, ich drehe mich um. 'Worüber lacht ihr, etwa über mich?' Sie antworten nicht und schütten sich aus vor noch mehr Gelächter. 'Was ist der Grund?', bohre ich nach. 'Clara hat gesagt, sie haben deine Mutter beim Bock gelassen!' Ich war mit meinen zwölf Jahren noch sehr verträumt, las Grimmsche Märchen, spielte mit Puppen und war nicht so helle wie einige meiner Klassenkameradinnen. Mir dämmert was, ich beginne zu verstehen, worüber sie sich amüsieren. Den wachsenden Bauch meiner Mutter habe ich nicht wahrnehmen wollen, denke ich heute, und gesprochen wurde bei uns nicht über so etwas. Das war tabu. Ich weine auf dem Heimweg und meine Mutter versteht nicht.

Wenig später bin ich unterwegs in der Stadt, als mir eine Kusine begegnet, die mich fragt, ob ich wisse, dass mein Vater zu Hause sei. Mein Vater! Ich sehne mich so sehr nach ihm, sofort drehe ich auf dem Absatz um und renne so schnell ich kann. Schon im Hauseingang rufe ich ihn. 'Aber Kind, du weißt doch, er ist im Felde', sagt meine Mutter erstaunt. Ich lasse mich bei ihr im Schlafzimmer auf einen Stuhl fallen vor Erschöpfung, sie zieht die Decke ein Stück zur Seite und lächelt. Schau, was ich für dich habe. Ich sehe ein kleines Bündel Mensch und weine vor Enttäuschung. Eine Schwester, ich wollte meinen Vater.

Bis heute habe ich ihr Brüllen und Weinen im Ohr. Sie wird Hunger gehabt haben, sage ich mir. Die Schuhe, die sie sich ständig von den Füßen streifte, um strümpfig über den kalten Steinflur zu laufen, waren ihr gewiss zu klein. So ein kleines Kind kann ja nicht sprechen. Manchmal habe ich sie vor Ungeduld vertrimmt.

Schon bald danach begann meine Mutter in der Hilfsküche zu arbeiten und ließ mich mit meiner Schwester allein. Besonders während des ersten Weltkriegs war unsere Wohnung im Winter eisig kalt, es gab kaum Brennstoff. Meine Mutter heizte den Backofen in der Küche ein, bevor sie das Haus verließ, damit etwas Wärme in alle Zimmer zog. Ich lag wach im Bett und hörte meine Schwester weinen. Ich wollte noch meine Ruhe haben und wartete so lange, bis sie aufgab, schlich mich in ihr Zimmer und sah, dass sie sich in den Schlaf geweint hatte. Da hatte ich die Idee, ihre Kleider vorzuwärmen, nahm die Kladusen vom Stuhl, ging damit leise hinaus und steckte alles, Kleid, Schürze und Hausschuhe, in den Backofen, schaute noch einmal nach ihr und freute mich über ihren tiefen Schlaf. Das war gewonnene Zeit für mich allein.