Rei Kawakubo, die japanische Designerin hinter dem Modehaus Comme des Garçons, hat den Verfall in Mode gebracht. 1981 zeigte sie ihre erste Prêt-á-porter Kollektion in Paris: Pullover, mit Löchern übersät wie von Motten zerfressen, und Kutten, zu denen die ungeschminkten, zerzausten Models Taue als Gürtel trugen. Einige sprachen vom "post-atomaren Fetzen- und Löcherlook". Andere faszinierte, dass Kawakubos Kleider auftraten, als seien sie schon lange in der Welt. Selbst das Schwarz - die Farbe, die Kawakubo in Mode brachte - hatte Schattierungen, war verblichen, angegraut.

Mode funktioniert durch ihre Vergänglichkeit - und genau das hat Kawakubo als erste sichtbar gemacht. Die "Ästhetik der Armut", die Comme des Garçons gegen den ostentativen Glamour der achtziger Jahre setzte, war jedoch handwerklich raffiniert gemacht: Für die Löcherpullover etwa hatte Rei Kawakubo Schrauben an den Strickmaschinen gelockert, um durch zu große Maschen den Eindruck von Löchern zu erzielen.

Die Designerin ist bekannt für ihre neuartigen Silhouetten: "Jede Saison radikal neue Kleidungsstücke zu schaffen, Formen, die noch nie jemand gesehen hat", beschreibt sie selbst das Ziel jeder Kollektion. Besonders eindrucksvoll ist diese ständig neue Formgebung in der Frühjahrskollektion "Body meets dress" von 1997 zu sehen: absonderliche Kleider in hellblau-weißem Karomuster und leuchtendem Orange, derart wattiert, dass sich asymmetrische Wülste und Buckel ergeben, genau da, wo sie der Körper nie vorsah. Im Gegensatz zur westlichen Mode, die sich auf den Körper bezieht, also seine Formen entweder übertreibt oder verhüllt, lösen sich Kawakubos Silhouetten von ihm. Im selben Jahr entwarf sie die Kostüme zu Merce Cunninghams Ballett Scénario : Das Bühnenbild war ein weißer, grell ausgeleuchteter Raum, und die Kostüme, erst kariert, dann rot, wiesen die gleichen Buckel auf wie ihre Kollektion. Sie habe die "Kontaktzone zwischen Körperform und Kleidung" verwischen wollen, sagte Kawakubo.

1942 in Tokio geboren, hat Rei Kawakubo zunächst Kunst und Literatur studiert und dann in der Werbeabteilung eines Chemiefaserherstellers gearbeitet. Später war sie freie Stylistin, 1969 schließlich gründete sie ihr eigenes Label, das seit 1972 Comme des Garçons heißt - "wie Jungs". Seit 1984 entwirft Kawakubo auch Männerkollektionen. Schon in den Siebziger Jahren begann Comme des Garçons, die Kleider wie Objekte zu präsentieren, in reduzierten Interieurs, die weniger an Läden als an Galerien erinnerten. Ihr Warencharakter sollte zurücktreten, der verschwenderische Umgang mit dem Raum den Wert der ausgestellten Gegenstände unterstreichen. Die Mode verstand Rei Kawakubo als Teil eines Gesamtkonzepts. Heute, wo die Sorge um die Corporate Identity zum Kern jeder Modemarke gehört, setzt Kawakubo ihren Weg des Provisorischen und Zufälligen fort: Im Dover Street Market in London wird die Comme-des-Garçons-Mode auf mehreren Etagen in Marktständen präsentiert. Und die so genannten Guerilla-Stores sind temporäre Läden, die den Ort, den sie vorfinden, nicht verändern. Mal ist eine ehemalige Eisdiele, mal eine Bücherei, in der dann Flakons stehen und Kleider hängen. Das Wichtigste aber ist die Vergänglichkeit: Nach einem Jahr zieht man weiter.

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