"Zeitgeist" ist einer seiner liebsten Begriffe. Seit Wolfgang Joop 1981 seine Prêt-à-Porter-Linie Joop! vorstellte, hat er nach einer Mode gesucht, in der sich die eigene Zeit gespiegelt fand. In den achtziger Jahren wollte der Designer den Mittelstand in "Cashmere und Lifestyle" hüllen. Heute hat Joop! mit Joop nichts mehr zu tun. Er hat ein neues Label gegründet: Wunderkind, entworfen in Potsdam am Heiligen See, wo Wolfgang Joop aufwuchs, gezeigt auf den Schauen in New York. Es sind Kleider, denen die Handarbeit anzusehen ist. "Wunderkind", sagt Joop, sei "Couture auf den Zeitgeist geschneidert". Und dieser Zeitgeist klingt dann so: "Meine Frauen sehen aus, als ob sie irgendwoher kämen und irgendwohin gingen. Und da, wo sie hingehen, da möchte man auch hinge-hen, ohne dass man das Gefühl hat, genau zu wissen, was da ist, wo sie hingehen." Oder kürzer: "Welche Frau will heute ein dekoriertes Petit Four sein? Das macht alt und ist das Gegenteil von cool."

Wolfgang Joop wurde am 18. November 1944 in Potsdam geboren, studierte Werbespsychologie, Kunst und Pädagogik, und dann kam, mit einem Zeichenwettbewerb der Zeitschrift Constan-ze , in den siebziger Jahren der Sprung in die Mode. 1978 brachte Wolfgang Joop erstmals eine Pelzkollektion unter seinem Namen heraus, 1981 folgte die erste Prêt-à-Porter-Linie für Damen, 1985 die Herrenlinie, 1989 die Jeanskollektion. 1987 kommt sein Parfüm Joop! auf den Markt, das international erfolgreich wird, später werden Lizenzen für Accessoires vergeben, für Schuhe, Taschen, Krawatten - sogar ein Tafelservice und eine Fliesenkollektion sind dabei. Dann, im Jahr 2001, trennt sich Joop von dem Label, das noch immer seinen Namen trägt und heute der schweizerischen Strellson AG, Egana Goldpfeil und dem französischen Parfümhersteller Coty gehört. In der kurzen, modefreien Zwischenzeit erzählte er in dem von ihm selbst als "Autofiktion" bezeichneten Roman Der Wolf im Schafspelz das Leben des Modedesigners Wolf - und zeigt schließlich im Jahr 2003 die erste Prêt-à-Porter-Kollektion unter neuem Namen.

Wollte er mit Joop! viele kleiden, sollen Wunderkind heute nur wenige tragen. Vom Gedanken an den Mittelstand hat sich Joop verabschiedet - die Zeiten, wo Cashmere gleichbedeutend mit Luxus waren, sind schließlich vorbei. Wir sehnten uns heute, sagt Joop, nach dem, was kaum noch herstellbar ist: Haltung und Handwerk. Das Handwerk bringt Wunderkind, die Haltung muss die Trä-gerin mitbringen. Lizenzen für Accessoires gibt es bei Wunderkind keine mehr, nur eine Wunder-kind-Kosmetik ist auf dem Markt - und das Parfüm geplant. Für den nächsten Winter propagiert Wolfgang Joop, der selbst Bilder von Christian Schad und Tamara de Lempicka besitzt, die "Neue Sachlichkeit": knielange, zitronenfaltergelbe Chiffonkleider, knappe schwarze Kostüme oder bodenlange Roben mit horizontalen Plissees. Die Kollektion sei der Bundeskanzlerin gewidmet, sagt Joop und das ganz ohne Ironie. Schluss also mit Gartenparty und Trallala! Da ist es wieder, das Gespür für den Zeitgeist.

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