Als ich das erste Mal nach Berlin kam, dachte ich: das ist ja gar nicht so großartig, wie man es sich vorstellt. Viele Leute aus Shanghai erwarten hier ein bestimmtes Hauptstadtgefühl. Dabei ist Berlin im Verhältnis zu chinesischen Städten eher ein großes Dorf. Als meine Eltern mich zum ersten Mal hier besuchten, waren sie völlig perplex: "Es ist so leer, so ruhig. Kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen."

Shanghai ist Stress pur. Ich bin zwar inzwischen fast nur noch zum Urlaubmachen dort, aber allein auf die Straße zu gehen ist anstrengend. Man ist umgeben von Hochhäusern und sieht nur ein kleines Stück Himmel. Andererseits ist es eine spannende Stadt – ich entdecke immer etwas Neues auf den Straßen von Shanghai.

In Berlin fasziniert mich die Straßenkultur auf andere Weise. Die Stadt bietet jungen Leuten sehr viele Möglichkeiten, sich zu präsentieren. In Shanghai gibt es keine derartige Subkultur. Unter der Woche sieht man auch in den Geschäften kaum junge Leute. Die Studenten sind zu sehr mit lernen beschäftigt und leben abgeschottet auf ihrem Campus. Dafür ist es am Wochenende umso voller.  "Rumhänger" wie in Berlin sieht man in Shanghai nicht – abgesehen von den Touristen.

Ein großer Unterschied sind natürlich die Mieten. Die meisten meiner Freunde kaufen sich eher eine Wohnung, als dass sie eine mieten. Das hat zum einen mit unserer Kultur zu tun, zum anderen hat man als Mieter in China kaum Rechte.

Die Wohnung einer Mittelschichts-Familie in Shanghai ist im Durchschnitt 120 Quadratmeter groß. Dazu gehören dann ein Kinderzimmer und meistens auch noch ein Zimmer für die Eltern. Der Kredit für die Wohnung verschlingt etwa die Hälfte des Gehalts, daher müssen in Shanghai beide Partner arbeiten. Da es Kinderbetreuung erst ab einem Alter von vier Jahren gibt, übernehmen meist die Großeltern die Betreuung der Kleinkinder.

Man schätzt, dass etwa 20 Millionen Menschen in Shanghai leben, etwa fünf bis sechs Millionen davon sind chinesische Wanderarbeiter. Einmal im Jahr, zum chinesischen Neujahrsfest im Februar, fahren die meisten von ihnen nach Hause, um ihren Familien Geld zu bringen. Zu dieser Zeit erscheint die Stadt sehr leer, es gibt keine Putzfrauen mehr, keine Frühstücksstände auf den Straßen.

Die Kriminalitätsrate ist in Shanghai höher als in Berlin, wie überall auf der Welt, wo extremer Reichtum und extreme Armut aufeinandertreffen.