Endlich draußen. Bei Grünhagen, bei Bienenbüttel, bei Melbeck, bei Lüneburg, ziemlich weit draußen in Niedersachsen, wo sich Frosch und Spinne Gute Nacht sagen. Hier hat die Ilmenau ihr Bett zwischen knorrigen Wäldchen und grünen Wiesen gewunden. Sie lässt sich Zeit, fließt ruhig dahin, erst 50 Kilometer weiter nördlich trifft sie die schnelle Elbe. Hier ist das Wasser glatt, ab und an verwirbelt ein herabhängender Ast den Fluss. Darunter wartet die Forelle.

Am Ufer regt sich was. Ein Angler schlägt sich einen Pfad durchs Schilf, dorthin, wo Land und Fluss eins werden. Rutschiges Terrain, Watstiefel halten seine Füße trocken. Einige Minuten lang beobachtet er die Wasseroberfläche, wie sie in der Nachmittagssonne glitzert. Eine Eintagsfliege treibt in der Strömung. Ihr Schicksal ist besiegelt, als sie den strudelnden Ast erreicht. Es macht leise schwapp, weg ist sie. Jetzt weiß auch der Angler: Da wartet die Forelle.

Wer Forellen und Lachse, sogenannte Salmoniden, fangen will, muss ihren Lebensraum studieren. Er muss denken wie ein Fisch und Fliegen lieben lernen. Fliegenfischen ist die hohe Kunst des Angelns. Und wie das so ist mit der Kunst: Sie erfüllt den Artisten mit Stolz und lässt ihn die Welt vergessen.

Dieses stille Abenteuer suchen nicht viele, aber wie die Angelverbände und Ausrüster berichten, werden es stetig mehr. Dass gestresste Büromenschen ihren Ausgleich in der Natur suchen, ist eine Massenbewegung des 21. Jahrhunderts. So ist der Schritt ins Grüne ein Schritt in einen Entschleunigungsraum, den es im zivilisierten, durchorganisierten Leben sonst kaum noch gibt. Das Glück liegt im Funkloch.

Den Alltag in den Disteln abstreifen, allen Ärger in den Wind schreiben und die Gedanken mit den Libellen tanzen lassen: Steht der Fliegenfischer erst einmal am Wasser, hat er schon viel Arbeit hinter sich. Ob er auf Lachs, Forelle oder Weißfische fischt – der wahre Flugangler baut die Köderfliegen selbst. Fuchsfell, Bussardflaum, Hahnenfedern, Eisbärenhaare oder Plastikglimmer werden auf einem Haken zu Attrappen gebunden. Zudem will das Angelgeschirr genau an der Tageszeit, dem Fluss, dem Versteck des Fisches und seinem Appetit ausgerichtet sein. Der gute Jäger weiß, was in einem Fischkopf vorgeht.

Der Lachs denkt: Bin echt schlapp von der Wanderung. Atlantik, Nordsee, Elbe, Ilmenau, immer gegen den Strom. Hab auch noch den Bauch voller Eier. Hunger? Fressen darf ich hier sowieso nichts, könnten ja meine Kinder sein.

Die Forelle denkt: Ich bleib mal schön im Strömungsschatten, da steh ich gut, und es treibt immer was vorbei. Mal ne Larve, mal ne Fliege, jung, alt, tot, lebendig, mir egal. Dafür würde ich vielleicht sogar einen kleinen Sprung wagen.