In der Welt der schlauen Autoschlüssel und einfallsreichen Zitronenpressen entstehen die besten Ideen weder an großen Schreibtischen, noch aus Umfragewerten heraus und schon gar nicht in langen Konferenzen. Man stolpert ganz automatisch über sie im Alltag, wie zum Beispiel in der Haushaltsabteilung eines Kaufhauses. Als Ines Kaag und Désirée Heiss, die Designerinnen von Bless, vor acht Jahren einen neuen Staubsauger kaufen wollten, fanden sie bei aller Auswahl von technischen Errungenschaften keinen, der ihren optischen Ansprüchen entsprach. Wie die meisten Verbraucher waren sie nicht auf der Suche nach einem Gerät, das einem Ferrari-roten Rennauto nachempfunden ist. Aber so sehen Staubsauger aus. In Aerodynamik schneiden die Geräte mit sehr gut ab, als ob sie mit 200 Kilometer pro Stunde über das Parkett sausen müssten. Aber für das Außendesign haben ihre Hersteller nicht mehr als eine mangelhafte Plastikhülle übrig.

Ein Staubsauger sollte Teil der Wohnungseinrichtung sein, überlegten die zwei Designerinnen. Wie ein Schrank müsste er aussehen, den man problemlos in einer Ecke abstellen könnte. Aus dem erträumten Schrank entwickelten sie eine kleine Kommode in Form eines Stuhls, mit einem Loch an seinem Rücken für den Schlauch und vier Rollen an den Stuhlbeinen. Wer nicht gerade damit putzt, kann die Konstruktion als alternative Sitzmöglichkeit verwenden.

"Unsere Arbeit ist pragmatisch und bodenständig. Anstelle von Produkten sagen wir lieber Sachen dazu", erklärt Ines Kaag. Sie sitzt am Tisch ihres Berliner Ateliers, einem großen rechteckigen Raum, der ein bisschen an das kreative Chaos eines Jugendfreizeitheims vergangener Zeiten erinnert. Auf der langen Fensterbank stehen Mini-Kakteen und Geldbäume in terrakottafarbenen Töpfchen, daneben stapeln sich Wörterbücher, Lexika, Romane und Magazine. Die Stühle an dem Holztisch in der Mitte des Raumes sind wild durcheinander gewürfelt und nicht weit davon entfernt durchkreuzt eine überdimensionale, kunterbunte Patchwork-Hängematte den länglichen Raum.

Désirée Heiss, Ines Kaags Partnerin, sitzt in diesem Moment auch an einem Tisch, ihrem Schreibtisch. Allerdings steht der nicht in Berlin, sondern in ihrer Wahlheimat Paris, knapp 900 Kilometer von Berlin entfernt. Und doch ganz nah. Denn über den Chat-Service AIM ist Désirée Heiss per Video mit dem Designstudio in Berlin verbunden. Sie wechselt von einem Computer zum anderen und dann erscheint ihr Gesicht auf Ines Kaags aluminiumfarbenem MacBook Pro.

Die Designerinnen kennen es nicht anders, sie arbeiten so, seitdem sie das Label im Jahr 1995 gegründet haben. Die Entfernung ist in ihrer Arbeit kein Hindernis. Im Gegenteil, vielleicht ist es gerade die Unbequemlichkeit der Distanz, die beide Frauen antreibt, ständig neue, alltagsverbessernde Einfälle zu haben, auf die vor ihnen noch niemand gekommen ist.