Ich bin eine klassische Städterin. Ich kaufe keine Zeitschriften, die Landlust heißen und suche kein Heil in der Еntschleunigung. Aufgewachsen bin ich in einem wegen seines hohen Ausländeranteils in Verruf geratenen Stadtteil Berlins.

Als Kind habe ich auf Mittelstreifen-Spielplätzen gespielt und wusste, wie man sich mit Bus und Bahn durch die Stadt bewegt. Dass Milch aus der Kuh kommt, lernte ich erst in der Grundschule, gesehen hatte ich so etwas noch nie. Und dass etwas wächst, wenn man etwas sät, merkte ich, als ich Melonen-Kerne in die Balkonkästen meiner Mutter gespuckt hatte.

Irgendwann mit Mitte zwanzig hatte ich das erste Mal den Wunsch nach einem Garten. Ich wollte nie aus der lauten, stressigen Stadt fliehen; ich liebe meine laute, stressige Stadt.

Meine Motive waren wesentlich banaler. Ich wollte Tomaten essen, die Geschmack haben, selbst gepflanzte Blumen und einen Ort, an dem keine Kampfhunde an meinem Grillgut schnüffeln.

Aber wie so oft sind die Ansprüche hoch und die Auswahl klein. Die Kleingartenkolonien mitten in der Stadt kamen für mich nicht infrage. Sie sind altmodisch, winzig und ständig schaut jemand über den Zaun und will wissen, wie die Rhododendren blühen.

Die Kleingartenkolonien mitten in der Stadt kamen für mich nicht infrage.

Außerdem hätte mir doch so ein Ober-Gärtner in Feinripp niemals einen Garten gegeben, aus Angst vor wilden Partys. Wohl nicht ganz zu unrecht. Außerdem gab es immer Wichtigeres: Ausbildung, Weltreise, Studium.

Trotzdem blieb der Wunsch: Ich wollte mit den Händen in Erde wühlen. Nicht nur im Balkonkasten. Ich wollte selbst Samen in der Erde versenken, gießen, sehen wie alles wächst, es ernten, Sträucher beschneiden und im Herbst alles winterfest machen. Ein klein wenig mit den Jahreszeiten leben, auf der Terrasse sitzen.

Knapp zehn Jahre später haben wir uns nun gefunden. Es war ein glücklicher Zufall, wie so oft. Eine Kleinanzeige, ganz pragmatisch: 900 Quadratmeter Garten, verwildert, ein bisschen, grau und verlassen. Mitten drauf eine typische DDR-Laube mit Schrägdach in türkis. Bei Caputh in Brandenburg, umgeben von Seen. Das war romantisch und genau das, was ich immer gesucht habe.

Im November, kurz vor dem ersten Frost, versenkte ich 180 Blumenzwiebeln in der Erde, kämmte das struppige Gras und befreite es vom feuchten Laub.