Jean-Michel Frank (1895–1941) gilt als einer der einflussreichsten Designer der 1930er Jahre. Er arbeitete in Paris, New York und Südamerika, war mit Jean Cocteau, Salvador Dalí und den Brüdern Alberto und Diego Giacometti befreundet. Er stattete die Wohnungen der Berühmten und Reichen aus, etwa der Modemacherin Elsa Schiaparelli in Paris, der Kosmetikkönigin Helena Rubinstein in New York und des Milliardär Templeton Crocker in San Francisco. Sein Stil brachte Klarheit und Eleganz in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Frank fegte den Plüsch aus den Häusern und Appartements, verwendete ungewöhnliche Materialien wie Bast, Fell und Pergament, dazu edle Hölzer. Das Leder für seine kubischen Sessel und Sofas ließ Frank damals bei Hermès zuschneiden und nähen.

Die Archivare bei Hermès rätseln, wo sich der damals junge Direktor des Hauses, Jean Guerrand, und Jean- Michel Frank kennengelernt haben könnten: bei einer mondänen Dinerparty in Paris oder auf der Überfahrt auf einem Dampfer nach New York, wohin Frank 1929 seine in Paris gefeierten Wohnideen und Möbelentwürfe exportierte. Guerrand ging in den USA zur gleichen Zeit auf Rundreise, um die Pferdegeschirre, Sättel und das edle Reisegepäck der Firma in Luxushotels zu präsentieren.

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe 04/11 © Weltkunst

Auch wenn sich Ort und Zeit nicht genau festlegen lassen, so intensiv stellt sich die Zusammenarbeit zwischen Frank und Hermès dar. Im Archiv des inzwischen weltweit operierenden Luxuskonzerns sind Fotos erhalten, die Franks Möbel zu seinen Lebzeiten in dessen Verkaufsräumen zeigen. Auch das dicke lederne Adressbuch mit dem aufgedruckten Emblem der pferdegezogenen Kutsche ist erhalten geblieben. Es enthält alle prominenten Namen von Künstlern, Kunden und Freunden seiner Zeit, dies- und jenseits des Ozeans. Die Nazis hatten es bei der Plünderung von Franks in Paris 1939 aufgegebenem Schauraum in der Rue du Faubourg Saint-Honoré liegen lassen. Nun kommen Frank und Hermès wieder zusammen – in einer neu interpretierten Version von Sesseln, Tischen und Stühlen des Art-déco-Designers. 15 Modelle hat Hermès zunächst nachbauen lassen: Sie distanzieren sich deutlich von den vielen unautorisierten Plagiaten, die auf dem Markt billig angeboten werden. "Hermès begeht keinen Verrat an Frank", betont man im Hause und bezieht sich explizit auf die minimalistischen Objekte der gemeinsamen frühen Zusammenarbeit in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Elegant, pur in der Linie, aber raffiniert in der Verwendung der Materialien, sind die Designerstücke ganz im Sinne ihres Erfinders nachempfunden: Sessel, ein Esstisch mit den dazu passenden Stühlen, ein Paravent und Beistelltische. Während das Museum of Modern Art in New York einen gemeinsam von Jean-Michel Frank und Man Ray entworfenen Schachtisch derzeit im Depot aufbewahrt, rückt Hermès die klaren Design-Entwürfe aus der kurzen Blütezeit seines Schaffens von knapp 20 Jahren erneut ins Licht. Im Jahr 2009 widmete die Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent dem Kult-Designer eine eigene Schau. Da konnte man sehen, dass Frank nicht ausschließlich für den coolen Look in unzähligen Beigetönen stand, sondern auch das blutrote Sofa in Lippenform für Salvador Dalí gestaltet hat. Das ist bei Hermès nun nicht im Programm, aber die schlichten, zum U gebogenen, mit Pergament überzogenen Beistelltische, von denen sich ein Originalsatz im Besitz von Yves Saint Laurent befand.

Bei der Auktion seines Nachlasses bei Christie’s im Pariser Grand Palais ebenfalls im Jahr 2009 kamen mehrere Möbel von Frank zur Versteigerung, die gigantische Preise erzielten. Das lag zum Teil an der Provenienz. Ein niedriges Tischchen mit Elfenbein- und Glimmerfurnier aus dem Jahr 1929, gestempelt von der Werkstatt Frank und seinem Partner Adolphe Chanaux, war einem Liebhaber 319.000 Euro inklusive Aufgeld wert. Für 908.000 Euro hatte Christie’s im Jahr 2006 bereits einen aus einer anderen Pariser Privatsammlung stammenden vierteiligen Schrank aus Eichen- und Walnussholz mit Pergamentbezug verkauft, dessen vier Türen sich wie eine Ziehharmonika öffnen lassen.

Ende vergangenen Jahres eröffnete Hermès in Paris in der Nähe des Montparnasse im denkmalgeschützten ehemaligen Lutetia-Schwimmbad aus den 1930er Jahren einen neuen spektakulären Showroom. Der Art-déco-Architektur wurde eine lichte, aus Holz geflochtene Struktur eingezogen. Das schien dem Haus der richtige Rahmen und Ort sowie der rechte Zeitpunkt zu sein, die neue Möbelkollektion nach Entwürfen von Jean-Michel Frank mit Rückenwind von etlichen gesponserten Millionen aus dem Verkauf eines luxuriösen Anwesens der Erbin von Cadbury vorzustellen.